Nach der Wahl
Wie viel Nazi steckt in Europa?

Die Populisten sind die Gewinner der Europawahl. Doch wie braun sind Front National oder Goldene Morgenröte? Sind Marine Le Pen und Geert Wilders Faschisten – oder nur EU-Kritiker? Unsere Korrespondenten analysieren.

Europa hat gewählt. Zwar sind die Konservativen die stärkste Kraft, doch die Populisten, rechte wie linke, sind die großen Gewinner. Experten nennen eine Reihe von Gründen: Frust der Bürger über die schlechte wirtschaftliche Situation in ihrer Heimat, Arbeitslosigkeit und harte Spardiktate der EU. Wut, dass „die in Brüssel“ andauernd über Markt und Wettbewerb reden, nicht aber über soziale Fragen.

Der Erfolg der Rechtspopulisten und Eurokritiker sei Ausdruck nicht gelöster Konflikte in der EU, meint der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel. Kritische Äußerungen zu den Strukturen der EU würden ausgebremst, heikle Diskussionen etwa über Migration nicht offen und ehrlich geführt. Zu oft machten nationale Regierungen daheim auch die EU für unpopuläre Entscheidungen verantwortlich.

Doch wer steckt hinter Front National, Goldene Morgenröte, FPÖ oder Ukip? Sind sie tatsächlich faschistisch? Oder doch „nur“ gegen den Euro? Unserer Korrespondenten analysieren:

Griechenland: Mit dem Hitlergruß ins Europaparlament

Sie huldigen Nazi-Größen, hetzen gegen Ausländer, heben den Arm zum Hitlergruß, schüren Judenhass und leugnen den Holocaust. Von allen rechtsextremistischen Parteien im neuen Europaparlament ist die griechische Goldene Morgenröte die extremste. Nicht einmal Marine Le Pen will etwas mit den griechischen Neonazis zu tun haben. Ihr „Führer“ Nikos Michaloliakos kämpft für „Nation, Rasse und Volk“. Er verehrt Hitler als „den großen Mann des 20. Jahrhunderts“, mit dessen Tod „eine glanzvolle Seite der modernen Geschichte schloss“.

Michaloliakos und weitere Spitzenfunktionäre der Partei sitzen zwar seit acht Monaten in Untersuchungshaft, wegen Verdachts auf Gründung einer kriminellen Vereinigung und Beihilfe zum Mord, aber das hat der Partei nicht geschadet. Bei der Europawahl konnte sie gegenüber der Parlamentswahl 2012 von 6,9 auf 9,4 Prozent zulegen und stellt drei der 21 griechischen Europaabgeordneten.


Die Goldene Morgenröte ist ein Produkt der Krise. Besonders viel Zulauf bekam sie in Wahlbezirken mit hoher Arbeitslosigkeit. Aber auch im Polizeikorps haben die Neonazis viele Freunde und Helfer: In den speziellen Wahllokalen, die es in Griechenland für diensttuende Polizisten gibt, erzielte die Goldene Morgenröte Stimmenanteile um die 20 Prozent.

Die Partei will nicht nur Ausländer vor die Tür setzen. Führer Michaloliakos träumt auch von einem „Groß-Griechenland“, dem alle Landstriche zugehören sollen, wo sich „Gräber der Hellenen“ befinden. Da hat sich die Partei viel vorgenommen, wenn man bedenkt, wie weit Alexander der Große bei seinen Eroberungszügen herumgekommen ist.
Gerd Höhler, Athen

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%