TV-Duell der Spitzenkandidaten
Duschköpfe und Zukunftsfaulheit

Auf ihrer Europawahlkampf-Fernsehtour gastierten Martin Schulz und Jean-Claude Juncker nun auch in der ARD. Das war spannender als erwartet – wegen des Verzichts auf vorhersehbare Fernsehjournalisten-Fragen.
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BerlinWie Jean-Claude Juncker etwas gequält auf die erste Frage aus dem Publikum antwortete, was er denn von der Eurovision Song Contest-Gewinnerin Conchita Wurst hält, ließ für die ARD-„Wahlarena“ Schlimmes befürchten: dass die beiden Europawahl-Spitzenkandidaten sich erst routiniert für gute Fragen bedanken, wie es Martin Schulz gern tut, um anschließend erneut ihre schon in zahllosen Formaten des Medien-Wahlkampfs abgefragten Standards zu reproduzieren. Schließlich unterscheiden sich die Positionen der beiden in vielen Punkten gar nicht besonders. Das war erst vor anderthalb Wochen im ZDF zu sehen gewesen.

Genau wie ZDF und ORF hatte nun auch die ARD am Dienstagabend die Europawahl-Spitzenkandidaten der Konservativen und der Sozialdemokraten zum Wahlduell gebeten. Mit WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich und NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz führten ebenfalls eine Moderatorin und ein Moderator durch die Sendung. Anders als in der in Deutschland nur bei Phoenix gezeigten Eurovisions-Debatte, genau wie im ZDF, fehlten die Stimmen anderer Parteien.

Anspruchsvolle Fragen aus dem Publikum

Doch das Prinzip der ARD-Show war ein anderes: Sämtliche Fragen stellte das Studiopublikum live. Und gleich die zweite hatte es in sich. Es ging um europäische Energie-Abhängigkeit von Russland, und der gut informierte Fragesteller hakte gar noch mit einer präzisen Frage um einen Energieunion-Vorschlag des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk nach – einem Thema also, das auf der deutschen Agenda nicht weit oben steht. Der „Wahlarena“-Ansatz, nicht in einer vorab festgelegten Reihenfolge Themenfelder abzuhaken, vermochte den Fernsehwahlkampf zu beleben.

Aus dem gut 200-köpfigen, vom Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap als repräsentativ ausgewählten und in Hamburg vor Hafenhintergrund versammelten Publikum kamen Fragen von einer Länge und Komplexität, die Fernsehreporter sich kaum zutrauen würden. Schließlich wünschen die sich immer kurze Antworten. Gestern aber gab es Detailfragen zu Themen wie dem gesamteuropäischen Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen oder zum Beschaffungswesen im Verteidigungssektor, und auch solche, die in diesem Wahlkampf kaum gestellt werden, etwa nach Eurobonds, als gemeinsame Staatsanleihen der Euroländer. Viele Fragen wurden mit spürbarem Engagement formuliert, viele auch gut informiert. Vor allem kehrten einige Themenfelder immer wieder, insbesondere das europäisch-amerikanische Verhältnis im Licht des NSA-Skandals und des geplanten Freihandelsabkommens TTIP.

So konnten einigen Antworten durchaus überraschen. Auf die Eurobonds-Frage sagte etwa der SPD-Politiker Schulz, das Thema sei „erledigt“, da eine Mehrheit der Bürger dagegen sei und die SPD es daher in der Bundesregierung nicht habe „verankern“ können. Der Konservative Juncker dagegen hielt ein Plädoyer für Solidarität („Es ist nicht so, dass die Tugendhaften im Norden Europas sitzen und die Sünder im Süden“).

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„Geschenke für das Großkapital“

Kommentare zu " TV-Duell der Spitzenkandidaten: Duschköpfe und Zukunftsfaulheit"

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  • Alternative Medien via Internet und TV ganz wichtig !

    Schaut mal Russia-Today-TV ! Die Sendung mit Max-Kaiser aus London ist super aufklärend. Nicht, dass die total die Wahrheit verkünden, aber man erfährt viele "ergänzende Informationen" und fällt sein eignes Urteil und entlarvt die EU-Propaganda-Scheuklappen. Oder http://www.freiewelt.net/.

  • Die Nichtwähler sollten ALTERNATIV wählen.

    Denn 75 % "stumme Protestwähler" sagen zwar "EU leck mich am Ar... !" Aber sitzen nicht im EU-Parlament.

  • Interessant:
    Juncker hat die Idee einer europäischen Armee angestossen! Nur "schützend".

    Kriegt diese dann die Atombomben Frankreichs und GBs?
    Verhältnis zur Nato?
    Einsätze im Inneren?
    ...

    Wer bremst diesen Mann?

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