TV-Kritik zur Europa-Wahl

Eurovision Politik Contest

Die Live-Debatte mit Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und drei weiteren Europawahl-Spitzenkandidaten ließ zwar inhaltlich Wünsche offen. Doch sie war ein gesamteuropäisches Wahlkampf-Fernsehereignis.
14 Kommentare

„Schluss mit Sparkurs und Schulden-Paranoia“

BerlinEin aussagekräftiges Bild beim Durchschalten im Fernsehen am Donnerstagabend: Die ARD zeigte nach der Bundesliga-Saison und vor der Weltmeisterschaft ein 0:0-Fußballspiel, in dem der Hamburger SV gegen den Abstieg spielte. Das ZDF wiederholte eine Schmonzette aus dem Jahr 2008, bevor bei Maybrit Illner über die Rentenreform getalkt wurde. Und die Live-Diskussion von fünf Europawahl-Spitzenkandidaten, darunter zwei Deutschen, vor großem Publikum im Europäischen Parlament lief bei Phoenix, dem ARD-/ZDF-Beiboot-Informationssender mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 1,1 Prozent.

Gegen die 90-minütige „Eurovisions-Debatte“, die tatsächlich mit der Eurovisions-Fanfare begonnen wurde, ließ sich im Einzelnen einiges einwenden. Vor allem die Regel, dass jeder Teilnehmer pro Antwort nur eine Minute Zeit hatte, verhinderte Austausch von differenzierten Argumenten. Doch verhalf dies der Debatte zu Dynamik. Getragenheit, wie sie beim ersten deutschen TV-Duell zwischen dem Sozialdemokraten Martin Schulz und dem Konservativen Jean-Claude Juncker festgestellt wurde, hatte keine Chance. Vor allem die drei weiteren Spitzenkandidaten brachten Leben in die Bude: der Belgier Guy Verhofstadt als Energiebündel der Liberalen, wie die FDP vermutlich gerne eines in ihren Reihen hätte, die deutsche Grüne Ska Keller als wortgewandte Idealistin und der Grieche Alexis Tsipras als noch kämpferischerer Vertreter der Linken. Schulz agierte so souverän, als sei er schon der Kommissions-Präsident, der er gerne sein würde, Juncker blieb bei seiner ruhigen bis sehr ruhigen Art und hatte in der Runde damit auch ein Alleinstellungsmerkmal, das zu konservativen Positionen durchaus passt.

Das Prinzip sah vor, dass die italienische Moderatorin Monica Maggioni Themenkomplexe vorgab und die Politiker in immer derselben, zuvor ausgelosten Reihenfolge dazu ihre Ansichten kundtaten – überwiegend auf englisch, Juncker sprach französisch, Tsipras griechisch. Alle wurden simultan übersetzt, das Tempo schien die Dolmetscher nur selten vor Probleme zu stellen.

Die Chance, dennoch eigene Themen zu setzen, nutzte vor allem Verhofstadt. Europa stünde am Scheideweg zwischen „Rückkehr zu alten Nationalstaaten und dem Schritt in Richtung eines neuen integrierteren Europa“, und ein Argument für den Schritt nach vorn seien „schlechte Finanzprodukte von der anderen Seite des Atlantiks“, sagte er in seinem ersten Statement. Die EU brauche schnell „eine legale Einwanderungspolitik“, wie die USA und Kanada sie schon lange betrieben. Zum Stichwort „Wachstum“, das alle Anwesenden sehr gern verwendeten, forderte er eine „neue Integrationswelle in der EU“, so dass „die europäische Größenordnung von 500 Millionen Verbrauchern“ eingesetzt werden könne, um auf digitalen Märkten mit Konzernen wie Google, Apple und Facebook zu konkurrieren. Auch Edward Snowden, die NSA-Affäre und das aktuelle EuGH-Urteil zu Google sprach der Belgier an, außerdem kritisierte er die rechtspopulistische Regierung Viktor Orbáns in Ungarn, die laufend gegen europäische Werte verstoße.

Tsipras rückte, nicht überraschend, häufig Griechenland in den Fokus: das „Versuchskaninchen für die Austeritätspolitik der europäischen Führung“. Europa müsse die „Paranoia der Schulden“ beenden. Dazu hatte er diverse historische Vergleiche parat, die Krise von 1929, das Londoner Schuldenabkommen von 1953, die in der simultan übersetzten Hektik nicht verfingen. Andererseits gestand er ein, dass „das Problem der Korruption in Europa, insbesondere im Süden, strukturell“ sei. Zur Situation der Flüchtlinge aus Afrika und Asien nannte er es „nicht hinnehmbar für unsere Kultur, dass aus dem Mittelmeer ein riesiger Friedhof geworden ist“, zur der in der Ukraine äußerte er den Wunsch, „es sollte keinerlei militärische Interventionen geben, weder von der Nato noch von Russland“.

Mehr Show als Talk
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

14 Kommentare zu "TV-Kritik zur Europa-Wahl: Eurovision Politik Contest"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Dann wählen Sie doch diese Diktatoren, die Demokratie mit Füßen treten, die Geheimabkommen in dunklen Hinterzimmern vereinbaren, die Deutschland ausmelken, die Schulden vergemeinschaften, die Sparrücklagen und Altersvorsorgen massiv zerstören, die sich in Fremdländer ohne Legitimation einmischen und die es verhindern, bürgernahe und mitbestimmende Politik, sprich vorbildliche Demokratie, zu leben. Meine Familie denkt anders und ist vom Programm der AfD überzeugt, weil es kein annähernd gutes von den Altparteien gibt. Der EU-Irrsinn muss endlich beendet werden. Wir brauchen wieder mehr Eigenbestimmung, mehr friedliche Zusammenarbeit in der EU und keine Spaltung, mehr Rücksicht auf den Willen der unterschiedlichen Völker, Sprachen und Kulturen. Die blinde Abhängigkeit der NSA-USA mit Geheimabkommen sowie weitreichender Wirkung und das Unterlaufen der Rechtsstaatlichkeit durch zwielichtige Schiedsgerichte sind ein Verbrechen an den Menschen. Wo bleibt die Mitbestimmung, wo ist die Demokratie???

  • Wer dieser Tage wissen will, was in Deutschland los ist, der liest gar nicht mehr die Artikel der Online-Medien, sondern gleich die Kommentare der Leser, die unter den Artikeln stehen – sofern diese noch da stehen, denn meistens werden sie gelöscht, oder die Kommentarfunktion abgeschaltet. Die deutschen Medien wissen nicht mehr, wie sie der täglich wachsenden Kritik seitens ihrer Leserschaft begegnen sollen – und beharren deshalb umso stärker auf ihren Ansichten.

  • @p.h.
    Poestchen:
    "...Schwadronierer... - sich ein Poestchen ergattern". Stimmt und ganz besonders die von der AfD , und da wieder hauptsaechlich Henkel, der endlich mal wieder "wer sein will", aber auch Lucke!!
    Ansonsten finde ich die Wahl fuers EU-Parlament gut, ich bin fuer Europa gewesen, bin fuer Europa, werde fuer Europa sein, und die armseligen Kleingeistigen hier, wen juckt's? Koennen in ihren gruenen Doerfchen alt werden. Viel Erfolg!

  • Man kann dieses Schauspiel wirklich mit dem Song-Contest vergleichen. Ohne Bezug zur Realität. Und für das was rauskommt viel zu teuer!

  • schade, dass niemand über das einkommen und die vergünstigungen und weitere steuerfreie kostenpauschalen dieser eurokomiker gesprochen hat. es jhandelt sich immerhin um steuergelder der bürger. diese schwadronierer haben nur ein ziel - sich ein pöstchen ergattern und die damit verbundenen finanziellen vorteile zu lasten der allgemeinheit. insbesondere herr juncker sollte sich schämen. luxemburg unter seiner führung als ministerpräsident dieses landes profitiert vom steuerdumping. großkonzerne nutzen die infrastruktur und die gute ausbildung in den ländern wo sie ihre umsätze machen. verschieben die gewinne nach luxemburg um dort die günstigen steuersätze in anspruch nehmen zu können. herr juncker verteidigt dieses miese geschäftsgebaren. so jemanden braucht niemand an der spitze im eurokratenstadel. eurokraten sollten nicht mehr als das zwanzigfache der untersten lohnguppe in europa verdienen dürfen. wäre gespannt, wieviele dieser eiferer sich noch für europa interessieren würden. schönes theater.

  • Merkel bestimmt wer Präsident wird, nicht die Parteien, nicht die Wähler. Das sollte allen Wahlberechtigten bekannt sein, wenn sie ihre Stimme abgeben. Die Stimme für die SPD ist also eine Stimme für Merkels Favorit Juncker.

  • Nach dieser Tragödie ist jetzt hoffentlich auch der "LETZTE" Wähler aufgeweckt worden und entscheidet hoffentlich für Deutschland oder ist uns schon mal kostenlos geholfen worden?
    Noch eins, Griechenland ist Pleite und wird auch Pleite bleiben!!!
    Was ist dass eine Bilanz, die Schuldzinsen und Tilgung
    nicht rechnet.
    Vorsätzliche Bilanzfälschung ist in Deutschland eine Straftat und wird durch die Staatsanwaltschaft verfolgt.
    Bestechungsgeschenke sollst Du nicht annehmen; denn diese machen Klarsehende blind und verdrehen die Sache derer, die im Recht sind.
    2.Buch Moses

  • Juncker? Der Mann aus Luxemburg? Der, der jede Harmonisierung in der EU verhindert und nur für Luxemburg steht und damit die EU, Deutschland nur schaden will?

  • das ist die darstellung der europäischen wertegemeinschaft: ein griechisch sprechender tsipras, ein (miserabel)französisch sprechender Juncker und englisch sprechende sozialisten und grüne-aus deutschland, obwohl sich für deutschland, schweiz, österreich etc schon einige deutsche sätze gelohnt hätten. das ist deutsches selbstbewußtsein. und heuchlerische schwadronierer: schulz und die poppig international umbenannte franziska alias ska kreller fordern steuerehrlichkeit zu einem zeitpunkt wo bundestagsabgeordnete zu hauf die zweitwohnungssteuer in Berlin "vergessen" haben und in griechenland und italien immer noch keine ordentlich arbeitende steuerverwaltung existiert. gott sei dank fragt keiner nach den diesbezüglichen zuständen in bulgarien rumänien, den balkanstaaten etc. für jugendarbeitslosigkeit und wirtschaftswachstum sind immer noch die nationalstaaten mit ihrer orddnungspolitik verantwortlich und nicht die aufgeblasenen besserwisser in brüssel. und herr schulz hat offensichtlich von Hollande gelernt: moi president... heißt jetzt ich als kkommissionspräsident. wahrscheinlich mit gleichen resultaten wie sein vorbild. und - wenn diese europäern anprangern das alles schlechte von den nationalregierungen auf brüssel geschoben wird spielen sie das gleiche spiel: nicht wir sondern die nationalstaaten sind schuld. soviel gutmenschentum Dennoch: welcher geist motiviert denn die eurokraten sich mit ölkännchen über jahre zu beschäftigen - ohne dass irgendjemand das in brüssel merkt und dann kommt das kluge europäische parlament und verwirft das in 3 stunden. bravo ! welch vorbild an transparenz,kommunikation und zielgerichtetheit in den prozessen im brüsseler augiasstall. Heuchlerisch auch die von herrn schulz in der diskussion in hart aber fair unterdrückte diskussion über die empfangene über 100 000 € steuerfreien aufwandspauschalen. da läßt es sich gut über steuerehrlichkeit schwadronieren.dazu paßt dann der ?eingeblendete? applaus wie bei eurovisons-song contest

  • Diese Schmierenkomödie (Show) hat eh niemanden in Europa interessiert.
    Das Geld des Steuerzahlers hätte man sich sparen können. Wieder einmal ein Beweis dafür, mit welcher Selbstverständlichkeit die EU-Bürokraten (Politiker) das europäische Arbeit-Steuergeld zum Fenster hinauswerfen. Hätten diese EU-Bürokraten lieber mal in die Bildung gesteckt als in ihre Show.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%