TV-Kritik zur Europa-Wahl
Eurovision Politik Contest

Die Live-Debatte mit Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und drei weiteren Europawahl-Spitzenkandidaten ließ zwar inhaltlich Wünsche offen. Doch sie war ein gesamteuropäisches Wahlkampf-Fernsehereignis.
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BerlinEin aussagekräftiges Bild beim Durchschalten im Fernsehen am Donnerstagabend: Die ARD zeigte nach der Bundesliga-Saison und vor der Weltmeisterschaft ein 0:0-Fußballspiel, in dem der Hamburger SV gegen den Abstieg spielte. Das ZDF wiederholte eine Schmonzette aus dem Jahr 2008, bevor bei Maybrit Illner über die Rentenreform getalkt wurde. Und die Live-Diskussion von fünf Europawahl-Spitzenkandidaten, darunter zwei Deutschen, vor großem Publikum im Europäischen Parlament lief bei Phoenix, dem ARD-/ZDF-Beiboot-Informationssender mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 1,1 Prozent.

Gegen die 90-minütige „Eurovisions-Debatte“, die tatsächlich mit der Eurovisions-Fanfare begonnen wurde, ließ sich im Einzelnen einiges einwenden. Vor allem die Regel, dass jeder Teilnehmer pro Antwort nur eine Minute Zeit hatte, verhinderte Austausch von differenzierten Argumenten. Doch verhalf dies der Debatte zu Dynamik. Getragenheit, wie sie beim ersten deutschen TV-Duell zwischen dem Sozialdemokraten Martin Schulz und dem Konservativen Jean-Claude Juncker festgestellt wurde, hatte keine Chance. Vor allem die drei weiteren Spitzenkandidaten brachten Leben in die Bude: der Belgier Guy Verhofstadt als Energiebündel der Liberalen, wie die FDP vermutlich gerne eines in ihren Reihen hätte, die deutsche Grüne Ska Keller als wortgewandte Idealistin und der Grieche Alexis Tsipras als noch kämpferischerer Vertreter der Linken. Schulz agierte so souverän, als sei er schon der Kommissions-Präsident, der er gerne sein würde, Juncker blieb bei seiner ruhigen bis sehr ruhigen Art und hatte in der Runde damit auch ein Alleinstellungsmerkmal, das zu konservativen Positionen durchaus passt.

Das Prinzip sah vor, dass die italienische Moderatorin Monica Maggioni Themenkomplexe vorgab und die Politiker in immer derselben, zuvor ausgelosten Reihenfolge dazu ihre Ansichten kundtaten – überwiegend auf englisch, Juncker sprach französisch, Tsipras griechisch. Alle wurden simultan übersetzt, das Tempo schien die Dolmetscher nur selten vor Probleme zu stellen.

Die Chance, dennoch eigene Themen zu setzen, nutzte vor allem Verhofstadt. Europa stünde am Scheideweg zwischen „Rückkehr zu alten Nationalstaaten und dem Schritt in Richtung eines neuen integrierteren Europa“, und ein Argument für den Schritt nach vorn seien „schlechte Finanzprodukte von der anderen Seite des Atlantiks“, sagte er in seinem ersten Statement. Die EU brauche schnell „eine legale Einwanderungspolitik“, wie die USA und Kanada sie schon lange betrieben. Zum Stichwort „Wachstum“, das alle Anwesenden sehr gern verwendeten, forderte er eine „neue Integrationswelle in der EU“, so dass „die europäische Größenordnung von 500 Millionen Verbrauchern“ eingesetzt werden könne, um auf digitalen Märkten mit Konzernen wie Google, Apple und Facebook zu konkurrieren. Auch Edward Snowden, die NSA-Affäre und das aktuelle EuGH-Urteil zu Google sprach der Belgier an, außerdem kritisierte er die rechtspopulistische Regierung Viktor Orbáns in Ungarn, die laufend gegen europäische Werte verstoße.

Tsipras rückte, nicht überraschend, häufig Griechenland in den Fokus: das „Versuchskaninchen für die Austeritätspolitik der europäischen Führung“. Europa müsse die „Paranoia der Schulden“ beenden. Dazu hatte er diverse historische Vergleiche parat, die Krise von 1929, das Londoner Schuldenabkommen von 1953, die in der simultan übersetzten Hektik nicht verfingen. Andererseits gestand er ein, dass „das Problem der Korruption in Europa, insbesondere im Süden, strukturell“ sei. Zur Situation der Flüchtlinge aus Afrika und Asien nannte er es „nicht hinnehmbar für unsere Kultur, dass aus dem Mittelmeer ein riesiger Friedhof geworden ist“, zur der in der Ukraine äußerte er den Wunsch, „es sollte keinerlei militärische Interventionen geben, weder von der Nato noch von Russland“.

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  • Dann wählen Sie doch diese Diktatoren, die Demokratie mit Füßen treten, die Geheimabkommen in dunklen Hinterzimmern vereinbaren, die Deutschland ausmelken, die Schulden vergemeinschaften, die Sparrücklagen und Altersvorsorgen massiv zerstören, die sich in Fremdländer ohne Legitimation einmischen und die es verhindern, bürgernahe und mitbestimmende Politik, sprich vorbildliche Demokratie, zu leben. Meine Familie denkt anders und ist vom Programm der AfD überzeugt, weil es kein annähernd gutes von den Altparteien gibt. Der EU-Irrsinn muss endlich beendet werden. Wir brauchen wieder mehr Eigenbestimmung, mehr friedliche Zusammenarbeit in der EU und keine Spaltung, mehr Rücksicht auf den Willen der unterschiedlichen Völker, Sprachen und Kulturen. Die blinde Abhängigkeit der NSA-USA mit Geheimabkommen sowie weitreichender Wirkung und das Unterlaufen der Rechtsstaatlichkeit durch zwielichtige Schiedsgerichte sind ein Verbrechen an den Menschen. Wo bleibt die Mitbestimmung, wo ist die Demokratie???

  • Wer dieser Tage wissen will, was in Deutschland los ist, der liest gar nicht mehr die Artikel der Online-Medien, sondern gleich die Kommentare der Leser, die unter den Artikeln stehen – sofern diese noch da stehen, denn meistens werden sie gelöscht, oder die Kommentarfunktion abgeschaltet. Die deutschen Medien wissen nicht mehr, wie sie der täglich wachsenden Kritik seitens ihrer Leserschaft begegnen sollen – und beharren deshalb umso stärker auf ihren Ansichten.

  • @p.h.
    Poestchen:
    "...Schwadronierer... - sich ein Poestchen ergattern". Stimmt und ganz besonders die von der AfD , und da wieder hauptsaechlich Henkel, der endlich mal wieder "wer sein will", aber auch Lucke!!
    Ansonsten finde ich die Wahl fuers EU-Parlament gut, ich bin fuer Europa gewesen, bin fuer Europa, werde fuer Europa sein, und die armseligen Kleingeistigen hier, wen juckt's? Koennen in ihren gruenen Doerfchen alt werden. Viel Erfolg!

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