Europaweiter Vergleich geplant
Akademiker oder Praktiker – wer ist besser qualifiziert?

Das Ziel ist klar: Eine Qualifikationsskala soll Schüler, Student und Arbeitnehmer europaweit vergleichbar machen. Doch jetzt kritisieren Gewerkschaften und Wirtschaft in seltener Einigkeit, dass berufliche Qualifikationen im Bewertungskonzept der Bundesregierung zu kurz kommen.

BERLIN. Die Bundesregierung stößt bei ihrem Bemühen, Qualifikationen von Schülern, Studenten und Arbeitnehmern europaweit vergleichbar zu machen, auf Kritik. Sowohl die Gewerkschaften als auch die Wirtschaft kritisieren, dass die Politik berufliche Qualifikationen im Vergleich zu akademischen oder schulischen Kenntnissen nicht ausreichend berücksichtige. „Unsere Vorschläge werden ignoriert“, heißt es in einem dem Handelsblatt vorliegenden Beschwerdebrief von DGB-Vizechefin Ingrid Sehrbrock und IG-Metall-Vorstandsmitglied Regina Görner an Bildungsministerin Annette Schavan (CDU).

Hintergrund des Streits ist der von der EU angestrebte europäische „Qualifikationsrahmen“. Eine einheitliche Kompetenzskala soll Studenten, Schülern und Berufstätigen ab 2010 den Wechsel über die Grenzen erleichtern. Bei der Formulierung der Pläne ist jedoch bereits in der Frühphase Streit ausgebrochen. Sehrbrock und Görner monieren, der erste Entwurf der Koordinierungsgruppe von Bund und Ländern sei nicht geeignet, „die Gleichwertigkeit von beruflicher, allgemeiner und Hochschulbildung“ voranzubringen.

Auch die Wirtschaft sehe noch „großen Revisionsbedarf“, sagte der Berufsbildungsexperte des Handwerksverbandes, Friedrich Esser. Ihm geht es vor allem darum, die Durchlässigkeit zu sichern und gleichwertige Kompetenzen im beruflichen und akademischen Bereich auch entsprechend zu bewerten. Vor allem „müssen sich im Qualifikationsrahmen die in der Praxis erworbenen Kompetenzen widerspiegeln“. Die Diskussion mit der Politik sei bisher zwar „sehr schwierig“, immerhin habe die Wirtschaft aber erreicht, dass als Kompetenz nicht nur reines Wissen, sondern auch fachliche und persönliche Fähigkeiten erfasst werden sollen.

Die Gewerkschaften beklagen zudem, sie würden nicht wie versprochen an dem Verfahren beteiligt. Sie hätten den Ministeriumsvorschlag viel zu spät erhalten, um sich auf den großen Arbeitskreis im Ministerium am Dienstag vorbereiten zu können. „Von einer Beteiligung der Sozialpartner kann unter solchen Bedingungen nicht gesprochen werden“, schreiben sie an Schavan. Wenn sich dies nicht ändere, werde der Qualifikationsrahmen in der Arbeitswelt kaum auf Vertrauen und Akzeptanz stoßen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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