Ex-Chefstatistiker Georgiou
Der griechische Sündenbock

Griechische Politiker suchen einen Verantwortlichen für die Schuldenmisere des Landes: Der frühere Chef der staatlichen Statistikbehörde soll ins Gefängnis. Für Premier Tsipras könnte die Kampagne nach hinten losgehen.
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AthenFinanzielle Überlegungen dürften es nicht gewesen sein, die Andreas Georgiou im Sommer 2010 bewogen, seine gut dotierte Stelle als stellvertretender Chefstatistiker beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington aufzugeben und die Leitung des staatlichen griechischen Statistikamts Elstat zu übernehmen. „Es war die Aufgabe, die mich gereizt hat“, sagt der in den USA ausgebildete Georgiou.

Die Athener Behörde hatte damals keinen guten Ruf. „Greek Statistics“ war ein geflügeltes Wort in Brüssel, seit sich zu Beginn der Schuldenkrise herausstellte, dass die griechischen Regierungen mehr als ein Jahrzehnt lang Haushaltsdaten systematisch manipuliert hatten. So soll sich Athen Ende der Neunzigerjahre mit geschönten Defizitzahlen den Beitritt zur Euro-Zone erschwindelt haben. Griechenlands Kreditgeber forderten Einschnitte: Die verfilzte Behörde müsse unabhängig von politischen Weisungen werden und nach transparenten Methoden arbeiten.

Georgiou sollte es als neuer Chefstatistiker richten. Im August 2015 kehrte er nach fünfjähriger Amtszeit in die USA zurück – Mission erfüllt, lautet das Urteil der internationalen Fachwelt: Die Elstat-Daten gelten in Brüssel wieder als zuverlässig.

Doch genau das könnte Georgiou jetzt zum Verhängnis werden. Anfang August entschied der Oberste Gerichtshof in Athen: Der frühere Statistikchef muss vor Gericht. Ihm wird nicht etwa vorgeworfen, Defizitzahlen schöngerechnet zu haben, wie es in Athen bis dahin üblich war. Georgiou soll das Haushaltsdefizit des Jahres 2009 zu hoch angesetzt und Griechenland damit dem Würgegriff der internationalen Kreditgeber ausgeliefert haben, die dem Land im Mai 2010 ein striktes Sparprogramm verordneten. Damit habe Georgiou den „nationalen Interessen geschadet“, so die Anklage. Darauf stehen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Der 56-jährige Georgiou versteht die Vorwürfe nicht. Er habe bei der Defizitberechnung lediglich „die diesbezüglichen Regeln der EU und die international üblichen statistischen Prinzipien angewandt“. Eine seiner ersten Amtshandlungen, nachdem er am 2. August 2010 die Leitung bei Elstat übernommen hatte: Fortan wurde nach den Eurostat-Regeln ESA95 gerechnet. Sie galten zwar bereits seit 1996, wurden aber in Athen ignoriert.

Mit der Einführung von ESA95 stellte Georgiou zwar international das erschütterte Vertrauen in das Statistikamt wieder her, machte sich aber in der griechischen Politik viele Feinde. Denn nun flossen plötzlich Defizite von Staatsunternehmen, Transfers an die Sozialkassen und andere Transaktionen, die man bisher gegenüber Brüssel verschleiert hatte, in die Haushaltsrechnung ein.

Die Folge: Im Oktober 2010 revidierte Elstat die bereits mehrfach nach oben korrigierte Defizitquote des Jahres 2009 erneut auf schwindelerregende 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Eurostat bestätigte die neuen Zahlen. „Das Spiel ist aus“, donnerte der damalige Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker.

Kommentare zu " Ex-Chefstatistiker Georgiou: Der griechische Sündenbock"

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  • Herr Heinz Keizer, 30.08.2016, 11:50 Uhr:

    "Wer erstellt denn bitte dieses digital gesteuerte Demokratiemodell?"


    Sie beantworten diese Frage doch gleich selbst:

    "Da möchte ich meine Ansichten aber eingebracht sehen."

    Keine Sorge, werden sie. Das ist ja gerade der Sinn der Sache.


    "Wir werden doch heute schon digital manipuliert, dass es ein Graus ist."

    Wird also Zeit, dass all diejenigen, die genauso denken (und das werden täglich mehr) endlich den Spieß umdrehen und dafür sorgen, dass die ganzen Ressourcen, die bislang fürs Manipulieren durch einige draufgehen, stattdessen endlich im Interesse der Allgemeinheit - also also gewiinbringend für ALLE - genutzt werden.

  • @Frau Annette Bollmohr

    "Das (die wirtschaftliche Realität auszublenden) wäre bei einem digital gesteuerten Demokratiemodell, wie ich es mir vorstelle) schon rein konzeptionell bedingt gar nicht mehr möglich."
    Wer erstellt denn bitte dieses digital gesteuerte Demokratiemodell? Da möchte ich meine Ansichten aber eingebracht sehen. Wir werden doch heute schon digital manipuliert, dass es ein Graus ist. Gott sei Dank wird das ganze Utopie bleiben.

  • Frau Annette Bollmohr, 30.08.2016, 09:31 Uhr / Nachtrag:

    Ausschnitt aus dem Interview mit dem Vorstandschef des Technologie- und Stahlkonzerns Voestalpine, Wolfgang Eder (heute auf S. 5 im Handelsblatt):

    „Zu oft fehlt wohl auch die Bereitschaft, sich an der wirtschaftlichen Realität zu orientieren.“

    Anmerkung dazu: Das (die wirtschaftliche Realität auszublenden) wäre bei einem digital gesteuerten Demokratiemodell, wie ich es mir vorstelle) schon rein konzeptionell bedingt gar nicht mehr möglich.

    Antwort an Herrn Keizer: Doch, ich bin überzeugt davon, dass das ginge, wenn es endlich in Angriff genommen würde. Unsere Gesellschaft hat da schon ganz andere technische Glanzleistungen vollbracht. Und, ja richtig, "ein Computer" (also ein Rechnernetzwerk, das von seinen Dimensionen her wohl locker an das von NSA, Google & Co. heranreichen dürfte).

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