Ex-Finanzminister im Interview: „Wir gehen an unsere Grenzen“

Ex-Finanzminister im Interview
„Wir gehen an unsere Grenzen“

Der ehemalige Finanzminister Griechenlands hat viele Hilfspakete für das Land ausgehandelt. Er glaubt an sein Land und daran, dass es bald wieder aufwärts geht.
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DIE ZEIT: Herr Papakonstantinou, die EU hat am Montag das nächste Hilfspaket für Athen freigegeben. Ist Griechenland jetzt gerettet?

Giorgos Papakonstantinou: Die Entscheidung ermöglicht einen Neuanfang. Sie sichert unsere Finanzierung und signalisiert der Bevölkerung, dass es irgendwann wieder aufwärts geht.

Im Moment beschleunigt sich der Absturz noch.

Ich leugne die Probleme nicht. Aber wir sind auch ein Stück vorangekommen. So haben wir rund ein Drittel unserer der Wettbewerbsfähigkeit wiedergewonnen, die wir seit Einführung des Euro verloren hatten.

Ökonomen sagen, die Löhne müssten weiter sinken. Aber schon jetzt gehen die Menschen empört auf die Straße.

Wir müssen darauf achten, dass wir die Gesellschaft nicht zerstören. Das bedeutet, stärker auf eine bessere Lastenverteilung zu achten. Zum Beispiel, indem wir gegen Korruption und Steuerflucht vorgehen. Es bedeutet auch, das richtige Tempo bei den Reformen zu finden. Wir gehen an unsere Grenzen. Einige Leute müssen Gehaltseinbußen von 30 oder 40 Prozent hinnehmen.

Weil die Gehälter vorher zu hoch waren.

Möglich. Aber wir sprechen hier über Menschen. Sie haben Kredite aufgenommen, und nun kommen sie nicht mehr klar.

Aus deutscher Sicht ist das Problem eher, dass Griechenland nicht schnell genug vorankommt. Immer wieder wurden Ziele verfehlt.

Wir haben Fehler gemacht. Man muss aber auch sehen, dass in den vergangenen beiden Jahren das Etatdefizit um acht Prozentpunkte reduziert wurde, wenn man es um die Zinszahlungen bereinigt. Das hat es in Europa noch nie gegeben. Ich wünsche mir, dass die Anstrengungen des griechischen Volkes mehr Anerkennung finden. Einige Beobachter verstehen nicht, wie schwer es ist, ein Land komplett zu reformieren. Und das tun wir. Wir reformieren alles: das Steuersystem, das Rentensystem, den Arbeitsmarkt.

Die Frage ist, ob ihr Land überhaupt eine Perspektive hat.

Es gibt eine Perspektive, wenn wir nicht nur sparen, sondern auch investieren. Ich denke etwa an den Ausbau erneuerbarer Energie. Dazu müssen europäische Gelder mobilisiert werden. Dann kann sich die Stimmung drehen.

Kommentare zu " Ex-Finanzminister im Interview: „Wir gehen an unsere Grenzen“"

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  • Dieser ehemalige Finanzminister ist schon allein deshalb unglaubwürdig, weil der die Misere mitverschuldet hat. Hier in GR pfeiffen es die Spatzen von den Dächern, wer wieviele Millionen und Milliarden beiseite gebracht hat. Er kann jetzt gern unschuldig tun - SEIN Name stünde mit Sicherheit auch auf einer Schweizer CD - WENN, ja WENN die griechische Regierung das Angebot zum Kauf einer solchen CD vor 1 Jahr angenommen hätte. Sie haben diese CD aber nicht kaufen wollen... Die Schweiz hat der griechischen Regierung kürzlich eine Liste mit mehren Namen von Griechen, die Geld auf Konten in der Schweiz transferiert haben, geschickt. Diese Liste liegt irgendwo in einer Schublade. So viel zur Glaubwürdigkeit griechischer Politik.

  • Eine ziemlich gefärbte Ansicht eines selbst Betroffenen ist dieses Interview. Es gibt aber gute Einsichten in die Denkweise der Griechen bzw. griechischen Politiker. Nach objektiven Informationen hat Griechenland bis heute nicht einmal die 2010 zugesagten Massnahmen realisiert. Diese sollen nachträglich bis zum 29.02.12 im griechischen Parlament beschlossen werden - damit ist schon eine Behauptung des ehemaligen Finanzministers widerlegt. So könnte man eine grosse Anzahl der im Interview behaupteten Fakten wie die 8%ige Reduktion des Primärdefizits (2010 3.55% relativ zum BIP, 2011 2.5% rel. zum BIP ) beliebig widerlegen. Das Interview beweist, dass es an konstruktiver Einsicht der handelnden Politiker mangelt, diese nur auf direkten Druck reagieren, und sobald der Druck sich entfernt, im gewohnten Rhythmus weiter agieren.
    So wird sich in Griechenland, dazu muss man nicht unbedingt Pessimist sein, überhaupt nichts ändern. Die Lösung des Problems Griechenland ist entweder ein Transfer der EURO Länder an Griechenland oder ein Austritt mit Folgekosten für die EURO Staaten. Beide Lösungen sind nicht billig zu haben, sollten aber einmal durchkalkuliert werden, um eine Basis für eine Entscheidung zu finden.
    Die bisherige „Rettungslösungen“ sind plan- und ziellos, werden nicht von den Griechen eingehalten und würden selbst dann, wenn sie alle realisiert würden, nicht zu dem einzigen bis jetzt formulierten Ziel führen, nämlich, dem, dass sich Griechenland am Finanzmarkt selbst wieder verschulden kann.
    Was soll dieses Ziel bezwecken ? Dass dann die „Rettungen“ nach kurzer Zeit wieder von vorne beginnen ?

  • @Roland
    und:
    ja, meiner Meinung nach MÜSSEN die Lohne mindest bis 800-1000€/Monat gestiegen werden, sonst schrinkt das BIP weiter und folglich werden die Ziele wieder verfehlt.
    Dazu sollte eine Produktivitäts Prämie eingeführt werden. Und VIEL MEHR...

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