Ex-Rebell Ortega
Der Messias von Managua

Daniel Ortega spricht wieder von Revolution. Langsam und eindringlich. „Wir brauchen eine spirituelle Revolution“, sagt er. Der Ex-Rebell versucht erneut, Präsident Nicaraguas zu werden – und die US-Regierung wird nervös.

MANAGUA. Daniel Ortega breitet die Arme aus und reckt sie gen Himmel. „Wir brauchen eine Revolution des Friedens und der Solidarität.“ Als Endlosschleife plätschert dazu aus Lautsprechern John Lennons „Give peace a chance“.

Es ist Wahlkampf in Nicaragua, und der 60-jährige Kandidat der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) wirbt an diesem schwülen Abend um Stimmen in Batahola, einem Arbeitervorort im Norden Managuas. Ein staubiger Sportplatz zwischen Holzhütten und geduckten Häusern dient ihm als Forum. Sein Publikum sind viele Alte, manche zahnlos und ausgezehrt, aber noch mehr Jugendliche und Kinder. Die meisten von ihnen wissen nur aus Erzählungen, dass der Mann, der da vor ihnen im weißen kragenlosen Hemd steht, früher eine andere Revolution predigte.

Vor 20 Jahren steckte Ortega noch im olivgrünen Drillich des Kommandanten. Die zu große Brille und der Schnurrbart gehörten zu ihm wie die marxistische Rhetorik. Die Brille ist längst durch Kontaktlinsen ersetzt, Haar und Schnurrbart dünner. Heute wirkt Ortega bei seinen Wahlauftritten wie ein Wanderprediger, der in seiner halbstündigen Rede ein knappes Dutzend Mal den Papst zitiert, den er stets „Heiligen Vater“ nennt.

Ortega 2006, der Präsidentschaftskandidat, erinnert kaum noch an Ortega 1986, den Präsidenten und Revolutionär, der sieben Jahre zuvor mit seiner FSLN Nicaragua von der brutalen Erbdiktatur des Somoza-Clans befreit hatte. Nicht nur sich selbst, sondern auch seine Partei hat er weich gespült. Eingemottet ist die Sandinisten-Hymne, die „Yankees als Feind der Menschheit“ schimpfte. Ausgedient hat die schwarz-rote Sandinistenfahne. In grellem Pink leuchten heute die vier Buchstaben FSLN.

In den 80er-Jahren bekämpften die USA diesen Mann und seine Regierung mit allen Mitteln: mit Embargos, verminten Häfen, Anschlägen und vor allem den „Contras“, einer Söldnerarmee. Mit aller Macht wollte Washington ein zweites Kuba in seinem Hinterhof vermeiden. Die Sandinisten hielten stand. 1990 wählten die Nicaraguaner Ortega ab. Sie hatten genug von Krieg, 50 000 Toten und dem Schlangestehen für Lebensmittel.

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