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13.05.2008 

Eskapismus charakterisiert weite Teile des Lebens in Israel. Die Bürger sind zwar patriotisch und bereit, für ihr Land zu kämpfen. Aber fast die Hälfte signalisiert in Umfragen die Bereitschaft, Israel zu verlassen, zum Beispiel, um anderswo einen höheren Lebensstandard zu realisieren. Tausende von Bürgern, die deutsche, polnische oder tschechische Vorfahren haben, besorgen sich einen europäischen Pass, auf den seit der EU-Erweiterung rund 20 Prozent Anrecht haben. „Die meisten betrachten das Dokument als eine Art Versicherungspolice für ihre Kinder, sollte der Nahostkonflikt eskalieren,“ sagt der Tel Aviver Rechtsanwalt Dan Assan, der auf eine lukrative, wachsende Nische spezialisiert ist: Er verhilft seinen Landsleuten zur deutschen Staatsbürgerschaft – für den Fall der Fälle.

Selbst Regierungschef Ehud Olmert gibt mitunter Apokalyptisches zu Protokoll. Vor einem halben Jahr mahnte er vor den Folgen, sollten die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern scheitern. Dann würde es zu einem Kampf um gleiche Rechte kommen, sagte Olmert in einem Zeitungsinterview, in dem er auf das zahlenmäßige Verhältnis von Juden und Arabern anspielte: „Sobald das geschieht, ist der Staat Israel am Ende.“

Olmerts düstere Prophezeiung stützt sich auf Prognosen von Demografen. Die jüdische Mehrheit zwischen dem Mittelmeer und dem Jordanfluss werde bis ins Jahr 2040 dahinschmelzen, sagen sie voraus. Acht Jahre vor dem hundertsten Geburtstag des Staates werden die Araber in der Mehrheit sein, das ergeben Modellrechnungen des führenden Demografen Israels, Sergio Della Pergola. Die radikal-islamische Hamas reduziert die nüchterne Statistik auf die griffige Kurzformel: „Die palästinensische Gebärmaschine arbeitet ununterbrochen“ – und sie weiß, dass dies ihre wirksamste Waffe gegen Israel ist.

Die Angst vor der arabischen Mehrheit im Gelobten Land war eines der wesentlichen Motive für den ehemaligen Premier Ariel Scharon, sich aus dem Gazastreifen zurückzuziehen. Hätte nämlich Israel vor drei Jahren den Gazastreifen mit seinen 1,4 Millionen Palästinensern nicht verlassen, wären die Juden zwischen Mittelmeerküste und Jordan bereits im nächsten Jahrzehnt in die Minderheit geraten. Mit dem Rückzug aus dem Gazastreifen wurde die Erosion der jüdischen Mehrheit um rund zwei Jahrzehnte hinausgeschoben. Aber in Israel und dem besetzten Westjordanland setzt sich die demografische Verschiebung fort, die politische Konsequenzen hat: Wie lange noch kann Israel die Besatzung der Westbank fortführen und Palästinensern, die bald die Mehrheit stellen, demokratische Rechte vorenthalten?

Eigentlich gibt es nur zwei Auswege aus der Demografie-Falle: Die Palästinenser in der Westbank, die heute unter israelischer Kontrolle leben, erhalten demokratische Rechte. Damit würde Israel als jüdischer Staat aber verschwinden und einem binationalen Staat Platz machen. Das wäre nicht nur das Ende des zionistischen Traums von einem Nationalstaat für Juden. Es ist auch keineswegs sicher, dass das Experiment, Juden und Araber mit gleichen Rechten in einem einzigen Staat zu vereinen, gelänge. Um auch in 40 Jahren als jüdischer, demokratischer Staat zu existieren, müsste sich Israel von den besetzten Gebieten und den Palästinensern trennen und gleichzeitig Palästina als Partner akzeptieren. Dafür stehen die Chancen aber schlecht. Statt seinen Zugriff auf die Westbank zu lockern, zementiert ihn Israel nämlich durch den Ausbau von Siedlungen und neuen Straßen, welche die besetzten Gebiete mit dem Kernland verbinden.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der ferne Weg zum Frieden.

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