Zudem gibt es derzeit keinen Politiker in Jerusalem, der charismatisch genug wäre, um den Bürgern einen Weg zum Frieden aufzuzeigen. Statt sich Zukunftsfragen zu widmen, ist Premier Olmert, der seit Monaten von Korruptionsskandal zu Korruptionsskandal stolpert, vor allem damit beschäftigt, seine heterogene Koalition zusammenzuhalten. Seinen rechten Regierungspartnern macht er gefährliche Konzessionen. So hält er die rechtsreligiöse Shas-Partei bei guter Laune, indem er Baubewilligungen für Siedlungen erteilt, in denen Shas-Wähler wohnen.
Israels Zersplitterung der innenpolitischen Kräfte ist ein Dauerhindernis beim Versuch, den Nahostkonflikt zu lösen. Das Land ist so instabil, dass in den vergangenen 60 Jahren die durchschnittliche Amtsdauer einer Regierung weniger als zwei Jahre betrug. An der Kurzlebigkeit der Kabinette scheitert jeder Versuch, den komplexen Nahostkonflikt zu lösen.
Doch selbst wenn eine starke Regierung Israel von der Last der Westbank befreien sollte: Der Frieden würde danach nicht ausbrechen. Radikalen palästinensischen Splittergruppen wäre das nämlich zu wenig. So erhielt Israel für die Trennung von Gaza postwendend eine blutige Quittung. Statt die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und die Bevölkerung wenigstens mit dem Notwendigsten zu versorgen, schmuggelten die neuen Herren von Gaza Waffen in den Küstenstreifen. Seither wird der Süden Israels regelmäßig mit Kassamraketen und Mörsergranaten beschossen.
Der Konflikt dreht sich nämlich längst nicht mehr nur um die Frage, wem das Land gehört. Jüdische Souveränität im Orient sei für religiöse Moslems nicht akzeptierbar, weil Palästina laut Islam heilige muslimische Erde ist, erklärte mir kürzlich ein Hamas-naher Journalist aus Hebron und zitierte dabei aus dem Koran. Im islamischen Weltbild habe Israel keinen Platz und werde als Gotteslästerung aufgefasst.
Dabei gibt es nicht viele Republiken, die ihre Existenzgründung auf einem so breiten internationalen Konsens abstützen konnten wie Israel. Im November 1947 stimmte die Vollversammlung der Vereinten Nationen für die Errichtung von zwei Staaten auf dem Gebiet des damaligen britischen Mandatsgebietes. Es sollte ein jüdischer und ein arabischer Staat entstehen. Die Juden nahmen den Vorschlag an, die Araber lehnten ihn ab.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die mörderische Nachbarschaft

