Exklusiv-Interview
„Wiederaufbau ist nicht ungefährlich“

Kurz vor dem Nato-Gipfel in Riga geht die Bundesregierung auf Konfrontationskurs zu Washington. Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) macht die USA mitverantwortlich für das Erstarken der Taliban in Afghanistan.

Handelsblatt: Die Bundesregierung steht unter internationalen Druck, sich in Afghanistan stärker militärisch zu engagieren. Verstehen Sie die Kritik?

Wieczorek-Zeul: Ich finde, dass es überhaupt keinen Anlass gibt, uns zu kritisieren. Im Gegenteil müssten wir eigentlich gelobt werden sowohl für das, was die Bundeswehr im Norden Afghanistans leistet wie für den Wiederaufbau, den wir bereits im ganzen Land leisten. Mit jährlich 80 Millionen Euro ist Afghanistan der größte Empfänger von Mitteln der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Wir sind in zehn Provinzen im Land im Wiederaufbau tätig - also beim Schulbau, bei der Einrichtung von Gesundheitsstationen für Mädchen und Frauen und beim Ausbau der Energieversorgung.

Alles wichtige Projekte. Aber eben doch ein bisschen angenehmer als ein Kampfeinsatz im Süden des Landes, wenden die Kritiker in den USA und Kanada ein...

Moment mal! Wiederaufbau ist nicht ungefährlich. Ich habe hohen Respekt vor jedem unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ohne Gewehr an der Seite dort ihre Arbeit macht. Das ist alles andere als ungefährlich. Gott sei Dank hat es noch keinen Toten gegeben, aber brenzlige Situationen gehören zum Alltag.

Dennoch: Müssen wir mehr Verantwortung übernehmen?

Bisweilen wird der Eindruck erweckt, dass es von Deutschland abhängt, ob der Neu-Anfang in Afghanistan klappt. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe zwischen der afghanischen Regierung und den Gebern. Kein Land kann alle Aufgaben übernehmen. Das ist ein bewusstes arbeitsteiliges Vorgehen. Dazu gehört, dass die Bundesregierung im Norden tätig ist und wir den Schwerpunkt unseres Engagements im zivilen Wiederaufbau legen. Das machen wir.

Und mehr nicht?

Sicher wird eine Aufstockung der Polizei notwendig sein. Nicht nur die Zahl der Polizisten muss erhöht, sondern auch ihre Ausbildung verbessert und ihre Bezahlung angehoben werden, damit sie für Korruption nicht anfällig sind.

Bisher ist die deutsche Hilfe bei der Polizei-Ausbildung auf Kabul konzentriert. Reicht das?

Ich glaube, man sollte das ausweiten. Das liegt auf der Hand. Aber ich will mich nicht in andere Ressorts einmischen. Dafür ist das Innenministerium zuständig.

Deutsche Entwicklungshelfer sind bislang nur im Nordosten des Landes tätig.

Wir werden jetzt, nachdem die Bundeswehr im Rahmen des Isaf-Mandates praktisch den ganzen Norden Afghanistans betreut, auch beimWiederaufbau im gesamten Norden aktiv werden - also auch in der Region um Masar-i-Scharif.

Aber nicht im unruhigen Süden.

Das ist falsch. Im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung engagieren wir uns als Entwicklungsministerium über den afghanischen Wiederaufbaufonds bereits im Süden des Landes. In den Fonds zahlen wir jährlich 20 Millionen Euro ein. Mit dem Geld finanziert die afghanische Regierung auch kommunale Projekte im Süden und Südosten des Landes. Unser Anteil daran liegt für 2006 und 2007 bei 16 Millionen Euro. Außerdem werden wir im Rahmen unserer entwickungsorientierten Nothilfe ab 2007 in mehreren Regionen im Südosten mithelfen, die lokale Infrastruktur und soziale Projekte zu entwickeln. Dafür haben wir einen Betrag von vier bis fünf Millionen Euro vorgesehen. Diese Projekte werden durch lokale Institutionen durchgeführt.

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