AthenDass ausgerechnet Eleftheria und Sofia in diesem Deutsch-Seminarraum sitzen, um ihre Auswanderung vorzubereiten, lässt tiefer auf die Zustände in Griechenland blicken, als die meisten Zahlen oder Politikerreden.
Denn mit Eleftheria („Freiheit“) und Sofia („Weisheit“) verabschieden sich nicht nur zwei junge Frauen aus dem Krisenland – sondern auch zwei Tugenden.
Eleftheria und Sofia hocken im Athener Goethe-Institut und lernen gerade die deutsche Sprache. Während für viele ihrer Landsleute das Deutsch angesichts der harten Haltung der Bundesregierung in der Euro-Krise für Bedrohung und Hoffnungslosigkeit steht, sehen die beiden jungen Frauen in der Sprache ihr Symbol für Aufbruch und Neuanfang. Sie wollen nach Deutschland auswandern; ins Land des Exportweltmeisters, in das Land, wo der Staat nicht zu kollabieren droht, wo es Zukunft für sie gibt.
Griechenland hat eine Treuhand-Agentur eingerichtet, die das Staatseigentum verkaufen soll. Darunter sind Häfen, Flughäfen und tausende Immobilien. Vor allem Staatsfonds aus China, Russland und Indien wollen einsteigen.
Eleftheria und Sofia haben eine gute Schule besucht und danach studiert. Jetzt sind sie in der Perspektivlosigkeit gelandet. Sie sind, wenn man so will, ganz normale junge Akademiker im Griechenland des Jahres 2011. Je höher ein junger Grieche heute ausgebildet ist, desto stärker ist sein Drang, auszuwandern. Neun Prozent aller griechischen Uni-Absolventen verlassen ihr Land, sogar 51 Prozent der frisch Promovierten.
Jeder Dritte landet von der Universität direkt in der Arbeitslosigkeit. Unter Akademikern hat sie sich seit 2007 verdoppelt. Insgesamt haben vier von zehn Griechen zwischen 15 bis 24 Jahren keinen Job. 2008, vor der Krise, waren es zwar auch schon 18,6 Prozent, aber seither hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Griechenland bietet nicht nur eine turbulente Gegenwart, Griechenland bietet vor allem keine Zukunft.
Unter den 25- bis 35-Jährigen haben 22 Prozent keine Arbeit, nach offiziellen Statistiken. Damit verspielt das Krisen-Land eine wichtige Ressource: Etwa ein Zehntel der Bevölkerung (1,1 Millionen Menschen) sind jünger als 25 Jahre, weitere 1,5 Millionen sind zwischen 25 und 34 Jahre alt. Das sind die Zahlen, die Eleftheria und Sofia im Hinterkopf haben, während sie in den Räumen des Goethe-Instituts deutsche Vokabeln lernen. Die beiden jungen Frauen sind wie viele Griechen, sie lieben ihr Land. Und dennoch sehen sie keine Alternative zur Auswanderung.
Sofia etwa. Die 28-Jährige arbeitet als Projektmanagerin in der Verwaltung der Alpha-Bank, eines der angeschlagenen Geldinstitute in Griechenland. „Wenn unsere Bank jetzt mit der Eurobank fusioniert wird, habe ich Angst um meinen Job“, sagt sie und ergänzt: „Jetzt in der Krise glaube ich meine Heimat verlassen zu müssen.“ In Deutschland sei es leichter einen krisensicheren Arbeitsplatz zu finden: „Deutschland sucht doch händeringend, heißt es in den Medien immer.“
Eleftheria möchte in einem Staat leben der funktioniert
Sofia will nach Berlin, sobald sie ihren Deutschkurs absolviert hat. Sie hat dort eine Tante, die ihr eine Wohnung angeboten hat. Nur ihr Vater hat noch „große Probleme“ mit dem Umzug seiner Tochter ins ferne Deutschland.
Kein Wunder, Sofias Vater hat nicht nur viele Emotionen, sondern auch viel Geld in die Ausbildung seiner Tochter investiert. Geld, für dass es auf dem griechischen Arbeitsmarkt keine Rendite gibt. Griechische Eltern haben die am besten ausgebildete Generation erzogen – mit sehr viel Geld für Nachhilfeunterricht in Schulen und für hohe Studiengebühren. Jetzt müssen sie trotzdem Abschied nehmen.
Einer Umfrage für das Eurobarometer des EU-Programms „Jugend in Bewegung“ zufolge sind 27 Prozent aller jungen Griechen bereit, zumindest zeitweise ihre Heimat für die Jobsuche zu verlassen. 37 Prozent wollen dauerhaft in ein anderes europäisches Land ziehen. Das liegt deutlich oberhalb des EU-Durchschnitts (25 Prozent).
So wie die 19-jährige Eleftheria Gkekon, die nach einem Studium deutscher Literatur nach München möchte, um dort Psychologie zu studieren „und dann einen Arbeitsplatz finden“. Viermal sei sie bereits in Bayern gewesen, um sich umzuschauen „und in der Praxis deutsche Sprachkenntnisse zu bekommen“.
Der griechische Staat ist wie gelähmt. Das hält findige Mittelständler nicht davon ab zu investieren. Firmen wie der Feinkost-Exporteur Agro Vim sind die größten Hoffnungsträger - mit Kunden wie Metro und Rewe.
Eleftheria aber, auch das hat sie mit vielen jungen Griechen gemein, möchte in Deutschland nicht nur arbeiten. Sie möchte dort auch leben. In einem Staat, der funktioniert und Perspektiven bietet. So sieht sie das. „In Deutschland ist es besser, hier in Griechenland hält sich ja niemand an Regeln. Ich möchte konkrete Aufgaben bekommen, pünktlich sein, klare Ansagen.“
Griechenland war schon immer ein Auswandererland, vier Millionen Menschen zählt die griechische Diaspora in Europa und Übersee. Der Unterschied: Gingen früher griechische Arbeiter und Bauern in deutsche Fabriken, so drängt heute eine Generation von Akademikern nordwärts. Der soziale Kitt des Landes klebt nicht mehr: Die „Fakelaki“, Umschläge mit Geld, sind nahezu obligatorisch auf allen Etappen der Ausbildung: „Fakelaki“, um die Zulassung zur Universität zu bekommen. „Fakelaki“, um die Prüfungen ablegen zu können. „Fakelaki“, um nach dem Abschluss einen Arbeitsplatz zu ergattern.
Hat man genug „Fakelaki“ verteilt, reicht der Lohn der Arbeit nicht zum Überleben. Die Gehälter wurden auf breiter Fläche gekürzt, die meisten jungen Neueinsteiger bekamen nur Zeitverträge und sind im Zuge von mehreren Entlassungs- und Kürzungswellen längst wieder ihre Arbeitsplätze los. Wer einen Job bekommt, dem dürfen Arbeitgeber dank eines neuen Gesetzes sogar nur 84 Prozent des aktuellen Mindestlohnes bezahlen. Das wären 592 Euro – bei einem Preisniveau, das mit Westeuropa mithält.
Deswegen sind es nicht nur ganz junge Griechen, die den Exodus planen. Auch Maskenbildner Yannis Nikolaou, der ein Berlin-T-Shirt trägt, will nach München auswandern. „Nächsten Monat gehe ich“, sagt der 40-Jährige. Er ist in Nürnberg geboren. Mit sechs Jahren nahmen ihn seine Eltern, damals Gastarbeiter, in den Süden mit. „Und noch heute fragen sie sich, warum sie damals zurückgegangen sind. Vor allem jetzt in der Krise hadern sie mit ihrem Schicksal.“