Experten nicht verwundert
Iraker reagieren mit Schweigen

Auf den bislang größten Terroranschlag in ihrem Land hat die Mehrheit der Iraker mit Schweigen reagiert. Die drei größten Tageszeitungen berichteten am Mittwoch kommentarlos über die Explosion der Autobombe vom Vortag vor dem UN-Hauptquartier in Bagdad.

HB/dpa BAGDAD. In anderen Ländern der arabischen Welt hatten vergleichbare Verbrechen ganz andere Reaktionen ausgelöst. So hatten nach den Selbstmordanschlägen vom Mai in Casablanca mehr als eine Million Marokkaner gegen die Täter demonstriert. In Bagdad dagegen war von solchen Kundgebungen nichts zu spüren.

Zwar verurteilte neben der US-Zivilverwaltung auch der Provisorische Übergangsrat den Anschlag. Weitere Proteste fielen aber eher sporadisch aus. Die islamische Widerstandsfront beispielsweise stellte klar, dass sie nichts mit der jüngsten Eskalation der Gewalt zu tun habe und dass es kriminell sei, unschuldige Menschen zu töten.

Das große öffentliche Schweigen ist für den Politikprofessor an der Universität von Bagdad, Saad Dschauad, nicht verwunderlich: „Die Menschen bedauern natürlich die zivilen Opfer. Aber sie sind indifferent, sie schenken dem keine Aufmerksamkeit. Sie sind gefangen in einer fürchterlichen Situation. Sie müssen sich um ihr tägliches Leben kümmern. Sie demonstrieren für ihre Gehälter, für ihre Arbeitsplätze. Was erwarten Sie von Menschen, die in einem solchen Elend leben?“

Ein früherer leitender Mitarbeiter des irakischen Informationsministeriums sagt, dass seine Landsleute einfach nicht gewohnt seien, zu protestieren. Bis zum Sturz des Regimes von Saddam Hussein am 9. April habe es einer Genehmigung bedurft für Demonstrationen, Transparente und Slogans. Der Staat habe vorgegeben, wer was zu sagen habe. Die neue Freiheit sei für viele Iraker noch ungewohnt. Bei Gesprächen entsteht der Eindruck, als ob die Selbstmordattentate von Jerusalem die Iraker mehr interessierten als die Autobombe vor dem UN-Hauptquartier in Bagdad.

Die Reaktionen sind breit gestreut. „So etwas tut kein Iraker“, sagt Ali Haider. „Das war El Kaida. Bei uns Irakern gibt es dafür keinen Nährboden.“ Explosionen von Autobomben mit Opfern hatte es in Bagdad schon früher gegeben. Im vergangenen Jahr explodierte im Busbahnhof ein Auto. Außerdem war eine Bombe neben einem Krankenhaus in die Luft gegangen. Die irakische Führung hatte damals das Nachbarland Iran verantwortlich gemacht. „So ein Anschlag ist verboten, das geht nicht. Das sind Mitglieder der Vereinten Nationen und keine Amerikaner“, sagt der Ladenbesitzer Mohsen Ibrahim.

Es gibt aber auch überraschend viel Verständnis. Ein Mann, der sich als „irakischer Bürger“ bezeichnet, sagt, dass das Attentat Eindruck auf die USA machen werde. Die US-Regierung müsse ihre Politik in seinem Land ändern. Ein anderer Mann meint, dass auch die Vereinten Nationen versuchten, an der Besetzung des Iraks teilzunehmen und den USA hörig seien.

Auf dem Gelände des UN-Hauptquartier ist die ganze Nacht über nach Verschütteten gesucht worden. Wenige hundert Meter entfernt stehen irakische Familien vor ihren Wohnungen, die bei der Explosion beschädigt wurden. Scheiben zersprangen, Türen wurden aus den Fassungen gerissen, schwere Klimaanlagen brachen aus Wänden heraus und selbst Mobilar ging zu Bruch. Wut und Ärger machen sich breit, weil niemand weiß, wer diese Schäden ersetzt.

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