Experten uneins
Hintergrund: Konkrete Warnungen sind umstritten

Nach den ungewöhnlich deutlichen Hinweisen auf mögliche Anschlagsorte in den USA rätseln Terrorexperten über die Motive für die Veröffentlichung der genauen Ziele. Dabei sind sich die Experten nicht einig: Während ein Lager einen möglichst offenen Umgang mit den Hinweisen fordert, raten andere Beobachter zu Zurückhaltung.

mzi BERLIN. Berndt Georg Thamm, Terrorexperte aus Berlin und Autor des Buches „Terrorbasis Deutschland“, sagt, der zivile Bürger habe ein „Anrecht zu erfahren, womit zu rechnen ist“. Thamm plädiert für größtmögliche Informationen. Da die Terroristen sich vor allem so genannte „weiche Ziele“ aussuchten wie etwa den Vorortzug von Madrid, seien die Menschen die Hauptbetroffenen von Anschlägen.

Thamm betont darüber hinaus, dass die Vereinigten Staaten und Europa mit solchen Warnungen unterschiedlich umgehen. „Was die USA vielleicht zu viel machen, machen wir zu wenig.“ Er beklagt, dass die tatsächliche Bedrohungssituation in Deutschland nicht mit dem subjektiven Bedrohungsgefühl deckungsgleich sei. Die Menschen fühlten sich sicherer, als sie es in Wirklichkeit seien. Zwar hatte Bundesinnenminister Otto Schily gestern nochmals auch auf die Gefahrensituation in Deutschland hingewiesen: „Wir sind Teil eines allgemeinen vom Terrorismus bedrohten Gefahrenraumes“. Die Bundesregierung sieht aber zurzeit keine erhöhte Gefahr für Deutschland. Doch Thamm lässt die Leitlinie der Bundesregierung, vor allem keine Panikstimmung in der Bevölkerung aufkommen zu lassen, so einfach nicht gelten. „Unruhe kann auch dadurch entstehen, indem nicht informiert wird“, sagt er.

Rolf Tophoven vom Institut für Terrorismusforschung in Essen verteidigt dagegen den vorsichtigen Umgang mit Terrorwarnungen. „Wenn zu viele Warnungen ausgesprochen werden, dann schleift sich das in der Öffentlichkeit schnell ab“, sagt der erfahrene Terrorspezialist. Zudem komme es darauf an, welche Quellen den Warnungen zu Grunde lägen. Nicht jede Aussage eines Festgenommenen oder gefundene Aufzeichnungen seien auch tatsächlich als Basis für eine Terrorwarnung brauchbar.

Tophoven weist aber noch auf eine andere Ursache für die jüngsten Warnungen in den USA hin: den Zusammenhang mit den Ergebnissen des Kommissionsberichts des US-Senats zum 11. September 2001. Darin war der US-Regierung unter anderem vorgeworfen worden, im Vorfeld der Anschläge einzelne Hinweise nicht ernst genug genommen zu haben. Einem solchen Vorwurf, so Tophoven, werde sich nun niemand mehr aussetzen wollen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%