Experten warnen vor zu lockerer Geldpolitik
EZB liegt mit Prognosen meist daneben

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bisher keine große Treffsicherheit mit ihren Prognosen bewiesen. Seit sie 2000 damit begonnen hat, sagt sie das Wirtschaftswachstum für den Euro-Raum zu hoch und die Inflation zu niedrig voraus.

FRANKFURT/M. Führende Volkswirte vermuten dahinter zum Teil ein Eigeninteresse der Notenbank. Die systematische Überzeichnung des Wachstums berge allerdings die Gefahr einer zu lockeren Geldpolitik, warnen die Experten.

„Eine Zentralbank, die unter so starkem politischem Druck steht wie die EZB, hat natürlich einen Anreiz, mittelfristig ein ordentliches Wirtschaftswachstum zu prognostizieren. Sie entzieht sich damit dem Vorwurf, das Wachstum abzuwürgen“, sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. „Ebenso muss sie vorhersagen, dass sie ihr Inflationsziel erreicht; sonst würde sie ihr eigenes Fehlverhalten prognostizieren.“ Das seien nicht nur Prognosen, pflichtet der Bonner Wirtschaftsprofessor Jürgen von Hagen bei. „Das ist immer auch eine Rechtfertigung der eigenen Politik.“

Man muss der EZB zugute halten, dass sie sich nicht allein, sondern im Konzert mit vielen anderen geirrt hat. Die Abweichungen von den Konsensusprognosen waren marginal. Trotzdem bleibt die Frage, wieso immer wieder das gleiche realitätsferne Muster auftritt.

Für den Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Joachim Scheide, reichen die „Negativereignisse“ der letzten Jahre wie die Aktiencrashs oder der 11. September nicht aus. „Wenn es mal ein oder zwei Jahre schief läuft, die Prognosen dann aber wieder stimmen, kann man das auf besondere Ereignisse zurückführen“, sagt Scheide. „Aber wenn das jetzt fünf Jahre lang so geht, kann man das nur noch schwer bemühen.“

Einen wichtigen Grund für die falschen Prognosen haben die Ökonomen ausgemacht: Das Wachstum des Produktionspotenzials wurde überschätzt. Das Potenzialwachstum gibt an, wie stark eine Volkswirtschaft im langfristigen Trend, also konjunkturbereinigt wächst. Es ist eine wichtige Referenzgröße, nicht nur zur Ermittlung der Auslastung der Kapazitäten im Konjunkturverlauf, sondern auch zur Erstellung von Prognosen.

„Die Standardmethode der Ökonomen ist ja, die Prognose über den Zeitpunkt hinaus, für den konkrete Anhaltspunkte vorliegen, zum Potenzialwachstum hinzuführen“, erläutert Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank. Liege das effektive Wachstum darunter, werde nach oben angepasst, liege es darüber, erfolge die Anpassung nach unten. Geht man also von einem bestimmten Trendwachstum aus, landet man über den Prognosehorizont hinweg zwangsweise immer wieder bei diesem Wert.

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