Experten weisen das "Kein Blut für Öl"-Argument zurück: Wirtschaftsinteressen spielen im Irak nur eine Nebenrolle

Experten weisen das "Kein Blut für Öl"-Argument zurück
Wirtschaftsinteressen spielen im Irak nur eine Nebenrolle

Die These wird immer wieder laut, aber wirtschaftliche Interessen allein können die verschiedenen Positionen zu einem Irak-Krieg diesseits und jenseits des Atlantiks kaum erklären. Viele Europäer denken zwar, die USA wollten einen Krieg gegen den Irak wegen seiner Ölvorkommen führen.Und einige Amerikaner glauben, Deutschland und Frankreich zeigten sich ablehnend, weil sie sich wirtschaftliche Vorteile im Mittleren Osten versprechen.

WASHINGTON. "Wer glaubt, am Ende dieses Krieges warte ein Goldschatz, macht es sich zu einfach", weist Toby Dodge, Irak-Spezialist an der britischen Universität von Warwick die These der Profitgier zurück. Zwar haben die USA und Europa wirtschaftliche Interessen im Irak, sobald Saddam nicht mehr an der Macht ist. Sollten die USA im Irak siegen und die internationale Gemeinschaft sich an den Wiederaufbau des Landes machen, wird es neue Verträge für Ölförderungsvorhaben und andere Infrastrukturprojekte geben. Viel besser als wirtschaftliche Interessen aber erklären politische Erwägungen die Differenzen in der Irak-Frage: Die USA etwa wollen ihren Status als einzige Supermacht nutzen, um Schurkenstaaten wie den Irak gefügig zu machen. Frankreich will den internationalen Einfluss der Amerikaner begrenzen.

Gerhard Schröder versuchte im vergangenen September, die Wahlen zu gewinnen. Würden wirklich wirtschaftliche Interessen die Regierung Schröder leiten, sie müsste sich mehr auf die USA konzentrieren. Denn Amerika ist Deutschlands zweitgrößter Exportmarkt mit Umsätzen von 67,8 Mrd. Euro im Jahr 2001. Der Irak rangiert dagegen als Exportmarkt für Deutschland erst an 75. Stelle, die Umsätze lagen 2001 gerade Mal bei 336 Mill. Euro. Selbst beim Wiederaufbau des Iraks hätten Deutsche wohl das Nachsehen. Denn eine von den USA eingesetzte Interimsregierung würde bei der Auftragsvergabe auf jeden Fall Unternehmen aus den USA und kooperierende Staaten bevorzugen, schätzt Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels.

Auch Frankreich hat, was den Außenhandel anbetrifft, ein weit größeres Interesse an den USA als am Irak. Aber viele Amerikaner meinen, Frankreich gehe es bei seiner Ablehnung eines Irak- Krieges um die Ölvorkommen. Herman Franssen, Chef der International Energy Associates, einem auf die Ölbranche spezialisierten Beratungsunternehmen: "Die Franzosen betrachten den Irak als eine ihrer Hauptquellen für die Ölförderung, um die Dominanz amerikanischer und britischer Firmen in anderen Ländern auszugleichen."

Tatsächlich aber ist Frankreichs Interesse auf zwei nichtbindende Abkommen zwischen dem Irak und dem französischen Ölkonzern Totalfina-Elf zur Förderung auf zwei Feldern beschränkt. Der Konzern hat bisher keine Verträge unterzeichnet, weil im Irak noch immer die Uno-Sanktionen wirksam sind. Die Exporte der USA in den Irak fallen ebenfalls gering aus. Dafür ist Amerika einer der Hauptabnehmer der irakischen Öllieferungen: 2001 hat das Land Erdöl für 5,82 Mrd. $ importiert. US-Regierungsvertreter weisen Mutmaßungen, Bush würde Saddam Hussein wegen seiner Ölvorkommen ins Visier nehmen zurück. "Das ist lächerlich," bemerkte ein führender Regierungsvertreter. "Wäre Öl die Motivation, wäre es dann nicht einfacher und billiger, mit Saddam einen Deal auszuhandeln?"

Dabei streiten Regierungsvertreter gar nicht ab, dass die riesigen Ölvorkommen des Irak mit ein Grund sind, warum sie Bagdad so genau beobachten. Doch das Argument, die USA würden einen Krieg vor allem aus wirtschaftlichen Interessen führen, brüskiert nicht zuletzt auch die US-Ölbranche. "Für eine Militäraktion im Irak und eine langfristige Beilegung des Konfliktes werden die USA tief in die Tasche greifen und 50 Mrd. bis 100 Mrd. $ aufbringen müssen. Wie sollte das wirtschaftlich Sinn machen?" fragt Franssen. Ebenso abwegig seien Überlegungen, die USA wollten die irakischen Ölreserven komplett unter ihre Kontrolle bringen, so Experten. "Den Irakern das Öl wegzunehmen, würde einen Krieg in der ganzen Region verursachen", sagt der Erdölexperte.

Schließlich stehen noch Vorwürfe im Raum, Deutschland und Frankreich hätten in der Vergangenheit Waffen an den Irak geliefert. Das ist der Fall, doch auch die USA waren in den 80er-Jahren Waffenlieferanten von Saddam. Dodge bringt es auf den Punkt "In dieser Geschichte gibt es keine Unschuldsengel."

Mitarbeit: D. Michaels and C. Fleming/bba.

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