Experteninterview: „Jede Nordkorea-Führung braucht eine große Krise“

Experteninterview
„Jede Nordkorea-Führung braucht eine große Krise“

Seit Monaten provoziert Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un die halbe Welt. Für den Nordkorea-Forscher Eric J. Billbach sind die Drohungen aber eher Maßnahmen, um den Machterhalt im eigenen Land zu sichern.
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BerlinDie Welt blickt weiter auf Pjöngjang. Einige fürchten wegen der Drohungen Kim Jong Uns einen neuen Kalten Krieg. Doch das Muskelspiel des Diktators zielt nicht nach außen, sondern dient vor allem dem Machterhalt im Inland, sagt Eric J. Ballbach, Nordkorea-Forscher an der Freien Universität Berlin.

Auch wenn nur wenig Informationen aus Nordkorea durchsickern, wie geht Kim Jong Un mit dem wachsenden internationalen Druck um?

Ballbach: „Der internationale Druck ist von Nordkorea durchaus gewünscht. Eines der wirksamsten Mittel, um internen Zusammenhalt zu stärken, ist die Existenz eines externen Feindes. Jede neue Führung in Nordkorea braucht eine große außenpolitische Krise.“

Wie nutzt der Machthaber diese Spannungen für sich?

„Die nächsten fünf Jahre wird die nordkoreanische Propaganda genau von dieser Krise zehren, wird sie quasi als Krieg beschreiben, den man gegen die USA geführt habe. Aufgrund brillanter Führung - so oder ähnlich wird es dann heißen - habe man diesen diplomatischen Krieg gegen die USA gewonnen. 1993 hatten wir eine ähnliche Situation.“

Muss jeder neue Diktator also einen Krieg anzetteln?

„Nicht unbedingt. Aber die Führung um Kim Jong Un ist noch relativ neu und umstritten. Sein Vater wurde 20 Jahre auf die Amtsübernahme vorbereitet, Kim Jong Un hingegen musste das alles im Schnelldurchlauf leisten. Er hat nicht genug Zeit gehabt, sich ein System von Verbündeten und Vertrauten aufzubauen.“

Gibt es irgendeine Form von Opposition?

„Da liegen uns tatsächlich gar keine Informationen vor. 2012 gab es bei einer Währungsreform, bei der man wohl versucht hatte, gehortetes Geld aufzuspüren, häufig lokale Unruhen und Protest. Aber eine breite, organisierte Opposition wird natürlich vollkommen unterdrückt. Das Regime basiert auf einer extremen Angstkulisse.“

Also auch keine Flüsterwitze hinter vorgehaltener Hand?

„Belächelt wird das Regime sicherlich nicht. Es gibt einen unglaublichen Respekt gegenüber der Führung, vor allem gegenüber dem historischen Bild der Kim-Familie. Der Konfuzianismus und Ehrfurcht gegenüber dem Oberen haben diesen Personenkult in Nordkorea auch befördert. Das wird natürlich geschickt ausgenutzt.“

Wie entwickelt eine Gesellschaft so einen extremen Führerkult?

„Die jetzt lebenden Nordkoreaner haben noch nie eine andere Erfahrung gemacht. 1905 ist Korea unter japanisches Protektorat geraten und 1910 kolonialisiert worden. Von dort aus ging es praktisch direkt in die Diktatur unter Kim Il Sung. Gemischt mit einer totalen Isolation nach außen ist der Führerkult die Lebensversicherung des Regimes.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Experteninterview: „Jede Nordkorea-Führung braucht eine große Krise“"

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  • @ pool:

    genau!

    eigentlich hat sich sogar die ganze Welt gegen Sie verschworen, oder?

  • das war mir immer klar.

    Nordkorea will sicher keine Krieg mit den USA.

    Die wollen nur innenpolitisch die Macht sichern...


  • Ich halte die Analyse für sehr gelungen und in jede Hinsicht nachvollziehbar.

    Allerdings passt das nicht in das Weltbild der notorischen USA-Hasser.

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