Explosion in Istanbul
Wann sorgt Erdogan für Frieden?

Wieder detoniert eine Bombe in einer türkischen Großstadt, wieder sterben Menschen. Und wieder gibt es mehrere Verdächtige. Kein Wunder. Denn die türkische Regierung hat sich viele Feinde gemacht. Ein Kommentar.
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Sie sitzen auf den Parkbänken nebenan und verstehen die Welt nicht mehr. Mehrere hundert Touristen mussten am Dienstagmorgen mit ansehen, wie auf dem Platz vor der Blauen Moschee, mitten in Istanbul, plötzlich ein Feuerball hochging. Ein Knall, der bis in die Nachbarviertel zu hören war, und Körper, die anschließend reglos auf dem Boden liegen. Ein paar von ihnen sitzen auch eine gute Stunde nachher noch auf Parkbänken nebenan und können noch nicht fassen, dass sie vermutlich Zeuge eines Anschlags geworden sind.

Um 10:20 Uhr Ortszeit (9:20 Uhr MEZ) erschütterte eine gewaltige Explosion das Zentrum der türkischen Metropole. Zu der Detonation sei es an dem ägyptischen Obelisken gekommen, der in der Nähe der Hagia Sophia, der Blauen Moschee und des Deutschen Brunnens steht. Die Stimmen mehren sich, es könnte sich um einen Selbstmordanschlag gehandelt haben; auch die Polizei soll diese Vermutung angeblich bereits geäußert haben. Womit sich die Frage stellt, wer ihn verübt haben könnte.

Es ist nicht so, als wäre es in der Türkei in den vergangenen Monaten ruhig gewesen. Alleine in den vergangenen acht Monaten hat es eine ganze Reihe Anschläge gegeben. Im Juli detonierte im südtürkischen Suruc eine Bombe inmitten eines Treffens kurdischer Friedensaktivisten; über 30 Menschen starben. Kurze Zeit später starben mehrere Menschen, als Schüsse in der Nähe einer Polizeistation in Istanbul fielen. Im Oktober kamen sogar 103 Menschen ums Leben, als sich Tausende vor dem Hauptbahnhof in Ankara versammelt hatten, um für Frieden im Land zu demonstrieren. Kurz vor Beginn der Demo zündeten zwei Selbstmordattentäter Sprengsätze, Amateuraufnahmen zeigen, wie mitten im Getümmel Feuerbälle in die Luft steigen.

Damit leider nicht genug. Im November detonierte eine Rohrbombe an der Istanbuler Metro-Linie M1, welche die Altstadt mit dem Flughafen verbindet. Wie durch ein Wunder wurde dabei nur eine Person leicht verletzt. Am 23. Dezember schließlich knallte es in einem Flugzeug, das nachts auf dem Istanbuler Zweitflughafen Sabiha Gökcen parkte. Eine Reinigungskraft, die sich zum Zeitpunkt der Detonation im Flugzeug aufhielt, kam ums Leben.

Die hohe Frequenz solcher Anschläge in einem einzigen Land ist erschreckend genug. Allein, fast jedes dieser Attentate ist von unterschiedlichen Gruppierungen verübt worden. Während die Anschläge in Suruc und Ankara unterschiedlichen IS-Zellen innerhalb der Türkei und in Syrien zugeschrieben werden, kamen die Schüsse bei der Polizeistation mutmaßlich aus der Pistole einer kurdischen Aktivistin; die Rohrbombe baute Ermittlungen zufolge die kommunistische Extremistengruppe DHKP-C, die damit einen vorbeifahrenden Polizei-Einsatzwagen treffen wollte; und die Bombe im Flugzeug stammt von der kurdischen extremistischen Jugendgruppe TAK, die damit gegen die andauernden Kämpfe im Südosten des Landes protestieren wollte. Die „kurdischen Freiheitsfalken“ kündigten zeitgleich an, in Zukunft mehr Anschläge in dem Land verüben zu wollen.

Kommentare zu " Explosion in Istanbul: Wann sorgt Erdogan für Frieden?"

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  • Ganz sicher wird Erdogan keinen Frieden wollen, schliesslich stehen Deutschland,Frankreich,USA etc hinter ihm um seinen kranken Hass gegen die Kurden auszuleben mit Hilfe der drei Partner und deren Waffen.

    Die Toten gehen auch auf Merkels Politik mit Schuften gemeinsame Sache zu machen.

  • » 1 (syrischer?) Attentäter?« – Hatte der auch seinen Pass dabei?
    Erdogan ist den Amis (NATO) seit langem ein Dorn im Auge. Also schicken sie die Schakale, während Fethullah Gülen in den Staaten für die Machtübernahme präpariert wird. Eigentlich ganz leicht zu durchschauen – falls man das will;–)

  • @Herr Henry Wuttke

    Es klingt so etwas nach dem Unwort des Jahres 2015?

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