Export-Erleichterungen
Bilaterale Abkommen überfordern die Firmen

Freihandelsabkommen sollen den Handel zwischen zwei Staaten fördern. Doch die Masse der unterschiedlichen Verträge erschlägt die Unternehmen - und die Wirkung der Freihandelsabkommen verkehrt sich ins Gegenteil.
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DüsseldorfNicht nur der zunehmende Protektionismus belastet die deutschen Exporteure - auch die vielen bilateralen Freihandelsabkommen legen ihnen Steine in den Weg. Nach dem Scheitern einer weltumspannenden Freihandelszone gingen viele Staaten dazu über, jeweils pärchenweise individuelle Abkommen zum Zollabbau zu schließen. Die EU hat bereits mehr als 30 davon - und verhandelt zurzeit mit vielen weiteren Ländern, so etwa mit Thailand.

Was erst einmal nach Fortschritt klingt, hat für die Exporteure im Alltag viele Tücken: Um tatsächlich zollfrei oder zumindest zu ermäßigten Sätzen ausführen zu können, muss ein Exporteur beim Zoll nachweisen, dass das Produkt zum Großteil in Europa gefertigt wurde - und nicht in einem Drittland, mit dem kein Freihandelsabkommen besteht. Schließlich sollen nur die Partnerländer der Abkommen selbst vom Freihandel profitieren, nicht auf Umwegen auch andere.

Doch der bürokratische Aufwand, um ein passendes „Ursprungszertifikat" zu bekommen, ist enorm - zumal die Lobbyisten meist Dutzende Ausnahmen durchsetzen. So übernimmt beispielsweise das Abkommen mit Südkorea zwar die EU-üblichen Regeln beim Handel mit Lebensmitteln, nicht aber bei Fahrzeugteilen.

Einen Zollerlass gibt es hier nur, wenn mindestens 55 Prozent der verbauten Einzelteile aus heimischer Produktion stammen. Die darbende französische Autoindustrie forderte denn auch in dieser Woche Änderungen am Abkommen, da es angeblich nur koreanische Hersteller begünstige.

Das Regelwerk der Abkommen füllt oft Dutzende Ordner. „Große Konzerne können sich einen Stab von Rechtsexperten leisten, die den Überblick behalten", sagt Gerhard Eschenbaum, Geschäftsführer für Außenhandel bei der IHK Düsseldorf. „Doch Mittelständler sind oft völlig überfordert damit, dieses Puzzle aus Vorschriften zusammenzusetzen." Allein in Düsseldorf führt die IHK mittlerweile mehr als 25 000 Beratungsgespräche pro Jahr.

Experten schätzen, dass die Bürokratiekosten für die Zertifikate schon jetzt bis zu sechs Prozent des Warenwertes betragen können. Der eingesparte Zoll muss also höher sein, damit sich das überhaupt lohnt - was oft nicht der Fall ist. „Wenn ein Modeprodukt zum Beispiel zu viel Material aus China enthält, bekommen wir kein Ursprungszertifikat mehr", erzählt der Außenhandelsverantwortliche eines großen deutschen Modeexporteurs, der den Namen seiner Firma nicht in der Zeitung lesen möchte. Wie viele andere aus der Modebranche verzichte sein Unternehmen daher lieber freiwillig auf die Erleichterungen.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Export-Erleichterungen: Bilaterale Abkommen überfordern die Firmen"

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  • Überschrift des Artikels:"Bilaterale Abkommen überfordern die Firmen"

    Ach - und wo bleiben IHK und Handwerkskammern mit passenden EDV-Lösungen? Ach so, ja, die machen niemals etwas Gescheites, OK.

    Dann sollten die überforderten Unternehmer sich doch dazu aufraffen, ein wenig in EDV-Personal zu investieren! Ich programmiere denen auf Wunsch in Qbasic, was sie brauchen, um die Parameter der bilateralen Abkommen jeweils auf Knopfdruck berücksichtigen zu können.

    Aber ich versichere denen, dass es in Deutschland mindestens 10.000 Informatiker und freie Programmierer gibt, die das auch - und auch in modernen Sprachen - können.

    Mehrere Jahre der EDV- und der Unternehmensberatung für mittelständische Unternehmen haben mir u.a. eine Erkenntnis gebracht: Dass deutsche Unternehmertum ist längst nicht so, wie es propagiert wird. Vielfach fehlt jede Flexibilität im Denken, schon deshalb, weil das Tagesgeschäft diese Leute oft bis zum Abwinken fordert. Anschließend reicht es noch für ein Bier vor dem Fernseher, aber nicht mehr dazu, sich über sinnvolle Neuerungen Gedanken zu machen.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

    http://belljangler.wordpress.com/zeugungsverweigerung-als-mittel-des-widerstandes/

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