
HB BERLIN DÜSSELDORF. Deutschland exportiert zu viel und tut zu wenig für den Konsum – so hat die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde das deutsche Wirtschaftsmodell kritisiert. Folgt man ihren Ratschlägen, wäre eine Beseitigung wirtschaftlicher Ungleichgewichte in der Euro-Zone scheinbar ganz einfach und bequem: Deutschlands Arbeitnehmer müssten bloß kräftige Lohnerhöhungen erhalten. Dann, so die schöne Idee, hätten sie mehr Geld, um ausländische Konsumgüter zu kaufen. Und höhere Arbeitskosten würden parallel unsere Exportwirtschaft bremsen.
Die schöne Rezeptur stößt sich indes gleich unter diversen Aspekten an der Realität. „Das ist völlig verkürzt und stützt sich auf die Fiktion, man könne durch höhere Löhne zu Vollbeschäftigung kommen“, sagt Roland Döhrn, Leiter des Bereichs Wachstum und Konjunktur am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Zudem blende so eine Betrachtung den Einfluss einer steigenden Beschäftigung von Geringqualifizierten völlig aus.
An erster Stelle steht meist der Vorwurf, die deutsche Exportindustrie habe sich durch eine Strategie massiver Lohnzurückhaltung unlautere Kostenvorteile gegenüber den Nachbarn verschafft. Das lässt sich scheinbar sogar mit diversen statistischen Daten unterfüttern: Die Entwicklung der Lohnstückkosten, der rechnerischen Lohnkosten je produzierter Einheit, war hierzulande in der Tat über Jahre hinweg signifikant niedriger als im Schnitt der Euro-Zone. Im exportstarken Industriesektor gingen die deutschen Lohnstückkosten von 2003 bis 2006 sogar um fast zehn Prozent zurück.
Zweitens liegt Deutschland – wie die Gewerkschaften stets beklagen – auch bei der Entwicklung der Reallöhne pro Arbeitnehmer seit Jahren ganz am Ende der EU-Skala. Für die Zeit von 2000 bis 2008 errechnete die Hans-Böckler-Stiftung, dass es in Deutschland als einzigem EU-Land sogar einen leichten Rückgang der Pro-Kopf-Löhne gab.
Was aber sagt dies über das Verhalten der deutschen Industrie aus? Hier entsteht bei näherer Betrachtung ein ganz anderes Bild. Zum einen: Hinter den Lohnstückkosten steht auch der Produktivitätsforschritt – dank guter Technologie und Arbeitsorganisation stieg hierzulande die Produktion je Arbeitnehmer stärker als bei vielen Nachbarn.
Zum anderen: Die Löhne der deutschen Industrie sind in den vergangenen Jahren zwar nicht exorbitant gestiegen – aber immerhin eilten sie allen anderen inländischen Tarifbereichen davon: In der Metallindustrie legten die Tariflöhne seit 2000 um 27 Prozent zu, die Chemieindustrie stand mit 26 Prozent kaum nach. Bremsend wirkten binnenwirtschaftliche Sektoren wie der Bau, die Druckindustrie und der öffentliche Dienst: Mit etwa 17 Prozent zogen sie den Durchschnitt der Tarifentwicklung nach unten.
Und noch weitere Faktoren sorgen für scheinbar negative Lohndaten – darunter der Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit durch die Hartz-Reformen: Da die meisten Betroffenen zunächst auf Jobs mit unterdurchschnittlichen Löhnen starteten, sank auch insgesamt der statistische Durchschnittslohn je Arbeitnehmer ab – was aber nicht für die gesamtwirtschaftliche Lohnsumme gilt. Und jedes zusätzliche Arbeitseinkommen, auch ein niedriges, stützt den Konsum im Zweifel mehr als der Bezug von Arbeitslosengeld.
Hier liegt auch die Krux der Lohnerhöhungsstategie, wie sie manche nun empfehlen: Sie nützt niemandem, wenn dadurch gut bezahlte Industriearbeiter ihre Jobs verlieren. Und es hilft dem Konsum ebenso wenig, wenn man – wie Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker riet – die Gehälter im öffentlichen Dienst erhöht und das Geld dafür über höhere Steuern bei allen anderen Konsumenten einkassiert.
Bleibt die Frage, was Deutschland trotzdem tun könnte. Kurzfristig betreibt ausgerechnet die deutsche Industrie ohnehin ein riesiges Konsumprogramm: Die Firmen halten Tausende Arbeitsplätze, obwohl es krisenbedingt an Aufträgen fehlt. Faktisch verzichten sie damit auf Gewinne und zahlen einen höheren Teil ihrer Erlöse als Löhne aus – so konsequent geschieht dies in keinem anderen EU-Land. Eine Folge: Die deutsche Lohnquote, der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, stieg 2009 abrupt von 65 auf 69 Prozent – den höchsten Wert seit 2003.
Langfristig lassen sich allein damit aber weder der Konsum noch die Euro-Zone stabilisieren. Der Königsweg bleibt für Deutschland wie für seine Nachbarn, dass sich möglichst viele Arbeitskräfte produktiv am Erwerbsprozess beteiligen können und damit Wertschöpfung betreiben, unterstreicht auch RWI-Forscher Döhrn. Wichtige Hebel dafür bieten bekanntermaßen die Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik.
Wenn die Politik in Absprache mit der Wirtschaft über Jahrzehnte hinweg ein System aufbaut in dem das erwirtschaftete Geld keine Regulierung erfährt dann ist das "Wirtschaftskrebs". Die Metastasen 2008 und 2009 werden derzeit behandelt leider nicht mit Erfolg. Oder anders gesagt, die Mistel ist in ihrem Wuchs größer als der baum und der Floh größer als der Hund und es gibt mehr Geld auf der Welt als Werte die es zu kaufen gibt - der weitere Verlauf ergibt sich von selbst c est la vie.......
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