Extremismus
Wie Marine Le Pen Frankreichs Rechte entteufelt

Die Anhänger der Front National sind motiviert wie nie. Jeder Auftritt ihrer Chefin Marine Le Pen wird zum Erweckungserlebnis. Frankreichs Rechte wittern eine Beute, die völlig unerreichbar schien: die Macht im Land.

ParisSie schwenken Fahnen, Sprechchöre dröhnen durch den Saal: „Marine – présidente, Marine – présidente“, dann schmettern rund 1000 Front National-Mitglieder aus voller Kehle die Marseillaise. Man könnte meinen, es ginge um ein nationales Großereignis. Dabei hat die Partei vom rechten Rand der französischen Politik am Wochenende nur ihre Kandidaten zur Kommunalwahl eingenordet.

In einem schmucklosen Saal neben einem Spaßbad am Rand von Paris wurde den Mitgliedern zwei Tage lang erläutert, mit welchen Argumenten sie bei der Wahl im März 2014 antreten sollen. Zum Abschluss gab es eine Rede der Parteivorsitzenden Marine Le Pen. Die „Frontisten“ sind derzeit so hoch motiviert, dass ihnen jeder Auftritt der Chefin zum Erweckungserlebnis wird. Sie wittern eine Beute, die noch vor kurzem völlig unerreichbar schien: die Macht in Frankreich.

Je desorientierter die klassischen Parteien der Rechten und der Linken sind, je mehr der Frust der Franzosen über hohe Steuern, noch immer zunehmende Arbeitslosigkeit und die desolaten Zustände in den Vorstädten zunimmt, desto besser geht es der Front National. Le Pen gibt das Anlass, sich triumphierend zu gebärden: „Wir sind die Garanten der staatlichen Autorität und der nationalen Einheit“, ruft sie in den Saal. „Gäbe es jetzt Neuwahlen, würde die (konservative) UMP genau so platt gemacht wie die Sozialisten“. Dann träufelt sie noch etwas Pathos drauf: „Wir sind die einzige Bewegung, die das Volk respektiert, denn wir wissen, dass die Franzosen unbesiegbar sind, wenn sie geeint sind.“


Seit zweieinhalb Jahren führt die 45-jährige die Partei, die ihr Vater Jean-Marie Le Pen geprägt hat. Sie tritt häufig auf, ist regelmäßig Gast in TV und Radio. Doch sogar vor den eigenen Mitgliedern liest sie ihre Rede noch immer vom Blatt ab. Nur für kurze Momente hebt sie den Blick, um ihn dann schnell wieder auf den Text zu heften. Das wirkt, als könnten wichtige Ideen sich selbständig machen und vom Pult hüpfen, wenn die Vorsitzende sie nicht mit den Augen fixiert.

Dabei ist ihre Rhetorik stets gleichförmig, die Struktur ihrer Reden identisch: Rechte und Linke haben versagt, der „Moloch Europa“ und das internationale Finanzkapital beherrschen Frankreich. Die Muslime werden immer dreister und entwenden den Franzosen die Heimat. Sozialisten und Konservative sind eine Mischpoke, haben das Land verraten. Doch das leidende Volk lässt sich nicht länger für dumm verkaufen und steht kurz davor, mit der Front National Frankreich zurück zu erobern. Spätestens an der Stelle brechen Sprechchöre los: „On est chez nous, on est chez nous“ – wir sind hier zu Hause.

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