Extremisten drohen Türkei-Reisenden
Kurden verschaffen sich mit Gewalt Gehör

Nach sieben Jahren trügerischer Ruhe flammt der Kurdenkonflikt in der Türkei wieder auf. Kurdische Extremisten drohen Türken und Touristen mit "Angst und Chaos". Die ungelöste Kurdenfrage überschattet die EU-Beitrittsverhandlungen und könnte auch die Wirtschaftsentwicklung des Landes beeinträchtigen.

ghö ISTANBUL. Die ungelöste Kurdenfrage überschattet die EU-Beitrittsverhandlungen und könnte auch die Wirtschaftsentwicklung des Landes beeinträchtigen.

Als Reaktion auf die jüngsten Drohungen und Anschläge verstärken die türkischen Streitkräfte ihre Präsenz in der Kurdenregion. Nach Informationen aus Militärkreisen werden weitere 40 000 Soldaten in den Südosten des Landes verlegt. Schätzungen zufolge sind dort bereits rund 220 000 Mann stationiert. Solange es die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK noch gebe, würden die militärischen Operationen "mit wachsender Intensität" fortgesetzt, sagte der Oberkommandierende der Landstreitkräfte, General Yasar Büyükanit. Schwerpunkt des Truppenaufmarsches ist die Region an der irakischen Grenze. Hauptaufgabe der Soldaten soll sein, kurdische Rebellen abzufangen, die aus dem Nordirak die türkische Grenze überqueren wollen. Im Nordirak werden etwa 5 000 PKK-Kämpfer vermutet. Sie starten von ihren dortigen Verstecken immer häufiger Kommandounternehmen in der Südosttürkei.

Der Konflikt greift inzwischen auch auf den Westen des Landes über. Nach den blutigen Unruhen der vergangenen Wochen, bei denen 17 Menschen getötet wurden, droht jetzt die Untergrundorganisation "Freiheitsfalken Kurdistans" (Teyrbazen Azadiya Kurdistan, TAK) mit einer Eskalation. Die Gruppe, die sich in den vergangenen drei Monaten bereits zu mindestens acht Terroranschlägen mit zwei Toten und fast 50 Verletzten in Istanbul und anderen Großstädten bekannte, kündigt auf ihrer Internetseite neue Attentate an: "Unsere Angriffe werden fortgesetzt und gewalttätiger werden." In einem Online-Handbuch gibt die TAK detaillierte Anleitungen zum Bau von Bomben und fordert junge Kurden auf: "Tut eure Pflicht nach dem Motto: Rache, Rache, Rache."

In türkischen Sicherheitskreisen nimmt man die Drohungen ernst. Die TAK gilt als schlagkräftig und ist nur schwer zu bekämpfen. Ihre Mitglieder, deren Zahl auf einige Hundert geschätzt wird, operieren in kleinen Zellen und tauchen in der Anonymität der Elendsviertel am Rand der Großstädte unter. Die angespannte Sicherheitslage beginnt sich auch auf den Tourismus auszuwirken, einen wichtigen Wachstumsmotor der türkischen Wirtschaft. Im März ging die Zahl der ausländischen Besucher gegenüber 2005 um fast 17 Prozent zurück, die Buchungen für die Sommermonate liegen örtlich 40 Prozent unter dem Vorjahresstand.

Das Kurdenproblem könnte auch die EU-Beitrittsverhandlungen beeinträchtigen. Brüssel fordert seit Jahren mehr Rechte für die Minderheit. Aber Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat bisher kein Konzept für eine politische Lösung vorgelegt. Durch die jüngste Welle der Gewalt ist die Lage noch verfahrener geworden. Erdogan verweigert jeden Dialog mit gemäßigten Kurdenpolitikern, solange diese sich nicht eindeutig von der PKK und ihrer Gewaltstrategie distanzieren. Das ist Wasser auf die Mühlen der radikalen Kräfte. Die jüngsten Massenproteste zeigen, dass die militärisch und politisch bereits besiegt geglaubte PKK wieder wachsenden Zulauf hat. Ihr inhaftierter Führer Abdullah Öcalan genießt in weiten Kreisen der kurdischen Bevölkerung Heldenstatus.

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