Extremistengruppe
Wie der Islamische Staat in Syrien Strukturen schafft

Allein durch Bombardements ist der Gefahr durch den Islamischen Staat nicht beizukommen. Die Extremistengruppe ist tief in den Alltag der Syrer verwurzelt. Viele Bewohner haben sich mit ihrer Anwesenheit arrangiert.
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BeirutDie Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) macht durch Gräueltaten wie Enthauptungen, Kreuzigungen und Massenhinrichtungen von sich reden. In den eroberten Teilen Syriens allerdings, wo die Radikal-Islamisten einen „Gottesstaat“ aufbauen wollen, bescheinigen ihnen Anwohner aber auch eine Fähigkeit zu professionellem Vorgehen beim Aufbau neuer Strukturen. Die Islamisten stellen Strom und Wasser, zahlen Gehälter, regeln den Verkehr, verwalten Banken, Schulen und Bäckereien – selbst ein Büro für Verbraucherschutz. Bewohnern zufolge ist es diese Verwurzelung im täglichen Leben, die erklärt, warum der IS das von ihm eroberte Gebiet hat halten können. Klar scheint damit: Allein durch kurzfristige Bombardements dürfte der Gefahr durch den Islamischen Staat nicht beizukommen zu sein.

Im syrischen Bürgerkrieg fiel 2013 Rakka als erste Stadt an die Gegner von Präsident Baschar al-Assad, ein Ort mit einer Vorkriegsbevölkerung von 250.000 Menschen. Innerhalb von einem Jahr setzte sich der heutige Islamische Staat gegen alle Rivalen durch. In dem „Braut der Revolution“ genannten Ort wurden die Kritiker entweder getötet oder flohen in die Türkei. Alkohol wurde verboten, die Geschäfte schlossen ab Mittag und am Abend waren die Straßen menschenleer. Wer blieb und seine Loyalität zu dem Chef der Gruppe, Abu Bakr al-Baghdadi, bekannte, dem wurden seine „Sünden“ gegen den Islamischen Staat vergeben.

Nach der ersten Säuberungswelle begann die Gruppe damit, in Rakka neue Strukturen aufzubauen. Sie machte damit einen zentralen Unterschied zur Al-Kaida deutlich: Ihre Absicht, das eroberte Gebiet zu halten und als Basis für ihr Ziel eines muslimischen Staates ohne Rücksicht auf bisherige Grenzen aufzubauen. Dieses sogenannte Kalifat soll eines Tages von China bis Europa reichen. „Wir sind ein Staat“, betont ein IS-Kommandeur im Telefonat mit der Nachrichtenagentur Reuters. Auch ein Ägypter im Dienste des IS, der seinen Namen mit Junes angibt, betont: „Das ist ein Staat, der Ministerien und Büros unterhält.“

Die neuen Verwaltungseinheiten dieses Staates – die Provinzen – heißen „Walijehs“. Einige haben die selbe Ausdehnung wie die bisherigen, andere wie die neu gegründete Provinz Al-Furat wurden über Grenzen hinweg gebildet. Militär und Verwaltung sind getrennt: Baghdadi hat als seine Vertreter Zivilisten eingesetzt, die „Walis“. Seine Milizionäre dienen als Polizisten und Soldaten.

Der Islamische Staat scheut sich nicht davor, ehemalige Assad-Anhänger weiter anzustellen. Einer von ihnen ist einem IS-Kämpfer zufolge inzwischen in Rakka für die Mühlen und die Verteilung von Mehl zuständig. Die Mitarbeiter des Staudamms in der Region haben ihre Posten behalten. Die Telekom-Netze der Stadt werden von einem promovierten Tunesier geleitet, der seine Heimat verließ, um „dem Staat“ zu dienen. Insidern zufolge gibt es drei Waffenfabriken in Rakka, in denen insbesondere Raketen entwickelt werden. Ausländische Wissenschaftler – darunter Muslime aus China – werden von Leibwachen geschützt und befinden sich an einem gesonderten Ort, berichten Kämpfer.

„Die Zivilisten ohne politische Zugehörigkeit haben sich mit der Anwesenheit des Islamischen Staates arrangiert, denn die Menschen waren müde und erschöpft“, sagt ein Gegner der Islamisten Reuters aus Rakka. „Und, um ganz offen zu sein, weil sie in Rakka die Infrastruktur aufbauen.“ Ein Aktivist aus Rakka, der inzwischen an die Grenze zur Türkei lebt, zeigt sich ebenfalls beeindruckt. „Seien wir ehrlich“, sagt er. „Sie leisten sehr viel Arbeit an den Institutionen.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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