EZB-Präsident

Trichet greift die Wirtschaftsmächte an

EZB-Präsident Trichet ist es leid, sich ständig wegen seiner aggressiven Krisenpolitik kritisieren zu lassen. Jetzt holt er zum Gegenschlag aus und zerpflückt das Krisenmanagement der führenden Volkswirtschaften.
20 Kommentare
Noch-EZB-Chef Jean-Claude Trichet. Quelle: Reuters

Noch-EZB-Chef Jean-Claude Trichet.

(Foto: Reuters)

BerlinDer scheidende EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat mit eindringlichen Worten die führenden Wirtschaftsmächte der Welt aufgerufen, sich einer Verschärfung der weltweiten Staatsschuldenkrise entgegenzustellen. „Wir erleben gegenwärtig die schwerste globale Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs“, sagte Trichet am Donnerstag in den ARD-„Tagesthemen“. Die weltweit führenden Volkswirtschaften müssten daher „ihre Strategien überprüfen“. „Das gilt für die USA, das gilt für Japan, und das gilt auch für Europa“, sagte der Chef der Europäischen Zentralbank.

„Unsere europäischen Probleme hängen nicht so sehr mit unserer Währung zusammen“, sagte Trichet. Der Euro sei „nach wie vor eine glaubwürdige und stabile Währung“, für die Finanzsysteme gebe es jedoch „nicht genügend Kontrollmaßnahmen“. „Die Währung ist nicht das Problem, die EZB ist nicht das Problem, sondern die Fiskalpolitik, die Wettbewerbspolitik und die Strukturreformen“, sagte der EZB-Chef.

Trichet hatte zuvor in Berlin zwei Sonderprogramme zur Versorgung der europäischen Banken mit frischem Geld angekündigt und angesichts der aktuellen Situation des Bankensektors zu „besonderer Wachsamkeit“ gemahnt. Zudem kündigte er an, dass die EZB zwischen November 2011 und Oktober 2012 Staatsanleihen für insgesamt 40 Milliarden Euro aufkaufen wolle.

Trichet nahm in Berlin auch an einem hochkarätig besetzten Wirtschafttreffen teil mit Vertretern von Weltbank, Internationalem Währungsfonds (IWF), EZB und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teil. Merkel machte dabei unmissverständlich deutlich, dass sie taumelnden europäischen Banken  notfalls rasch mit frischem Kapital unter die Arme greifen wolle. Damit solle eine Bankenkrise wie 2008 abgewehrt werden, machte sie nach dem Treffen deutlich. Zugleich will die Kanzlerin den weltweiten Kapitalfluss schärfer kontrollieren und regulieren.

Damit soll das internationale Währungssystem „stabiler und widerstandsfähiger“ gemacht werden. Vorschläge dazu würden dem G20-Treffen am 3. und 4. November in Cannes vorgelegt, sagte Merkel. Damit werde die Arbeit aber noch nicht beendet sein. Man brauche ein „gemeinsames Verständnis im Umgang mit Kapitalströmen“, sagte sie.

Merkel will auf Expertenratschläge hören
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: EZB-Präsident - Trichet zerpflückt Krisenpolitik der Wirtschaftsmächte

20 Kommentare zu "EZB-Präsident: Trichet zerpflückt Krisenpolitik der Wirtschaftsmächte"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Da bekommt die EZB ja gleich wieder verstärkt was zu tun:

    FITCH senkte nach Börsenschluß das Kreditrating von ITALIEN auf A+ ab mit negat. Ausblick und Bemängelung des unzureichenden Verhaltens der Regierung in der Krise,die sich verschärft habe,

    ebenfalls SPANIEN auf AA- , zwei Stufen niedriger als bisher, der Ausblick negativ angesichts des schwachen Wachstums.


    und das wird so weiter gehen .......

  • @ Laokoon – Begreifen Sie doch! Wettbewerb findet in realen Preisen statt! Der Taschenspielertrick der Abwertung hat niemals und nirgendwo dauerhaft zur Verbesserung der Wettbewerbsfaehigkeit gefuehrt. Abwertungen erfolgen meistens in Serie und setzen eine Inflationsspirale in Gang. Festes Geldeinkommen und nominales Geldvermoegen werden gepluendert. Der Staat als groesster Schuldner von nominalen Kreditbetraegen ist der groesste Pluenderer.

  • Haben Sie es immer noch nicht verstanden ?

    Banken (und Andere) haben DEM STAAT Geld gegeben, damit der all die guten Sachen tut, die Sie und die Klientel von Parteien und Gewerkschaften gerne sehen.

    Und jetzt stellt sich DER STAAT hin und fordert Verzicht auf die ihm gegebenen Gelder. Das ist so, als ob IHRE Sparguthaben, Lebensversicherungen, Sichtguthaben, Bundesschatzbriefe vom Staat entschädigungslos kassiert werden.

    Was soll das mit "Regulierung der Banken" zu tun haben ?

  • Es gibt doch tatsächlich Leute, die das Ablenkungs-manöver "die Banken sind die Bösen" bereitwillig schlucken!Tatsächlich ist es natürlich die Politik, die sich weigert, Wählern reinen Wein einzuschenken und für ihren Machterhalt lieber unbezahlbare Geschenke verspricht & macht. Und jetzt haben wir den Salat: Der Wohlfahrtsstaat nach europäischem Muster ist von Anfang an unbezahlbar gewesen. Merkel kommt mit Vorschlägen aus der DDR-Mottenkiste: Jede zentralisierte, diskretionäre Politik, die behauptet, sie wisse, wo es lang gehen müsse, führt ins ökonomische Verderben. Kapitalverkehrskontrollen werden die Fehlallokationen massiv verschärfen. Besonders erschütternd waren die Umfragen an unsere Parlamentarier zum ESEF: offenbar haben sie nicht einmal das HB gelesen (oder verstanden) und stimmen irreversibel ab über unser aller Zukunft, einzig geleitet von dem egoistischen Wunsch, für die nächsten Wahlen von ihrer Partei gelistet zu werden - es ist ein einziger Skandal!

  • Dr. Norbert Leineweber
    Tja, hinterher kann jeder kommen.
    Zunächst ist festzustellen, dass die Herren Barroso, Juncker, Verheugen usw. Schäden von hunderten Milliarden verursacht haben, weil sie den Stabilitätspakt ausgehebelt hatten statt rechtzeitig durchzugreifen. Und Trichet hat genau dort versagt, wovon er ablenken will.
    Er hätte die Pleitestaaten wöchentlich ermahnen und deren Finanzpolitik und Lohnpolitik geißeln müssen. Und erst recht die Immobilien-Blasenwirtschaft in Irland und Spanien. Unter seiner Ägide der Untätigkeit sind die Divergenzen in der EU gewachsen. Eine groteske Kreditvergabe im Immobiliensektor wurde hingenommen. Trichet hätte eine Regulierung der Auswüchse einfordern müssen, statt hinterher die Feuerwehr zu spielen. Es fehlte in jedweder Hinsicht ein voraussehend-steuerndes Management. So kann man keine vernünftige Geldpolitik machen. So einfach ist das. Es fehlt schon am vorausschauend agierenden Grundgerüst.
    Unter dem Euro kam es zur größten Fehlallokation in der Geschichte Europas. Unter diesen Aspekten ist Trichet mindestens so unfähig wie Greenspan. Nur das Problem ist, dass dann die wirklich guten Leute wie Weber hinschmeißen. Und statt jemanden wie Di Mauro zum Chefvolkswirt zu machen, nimmt man einen Asmussen mit einer schönen Bürokratielaufbahn. Den guten Mann hätte ich in einer mündlichen Diplomprüfung als Hochschullehrer nach dreißig Minuten auseinander genommen. Aber wie gesagt, auf Sachverstand braucht man in der ganzen EU nicht zu hoffen, die EZB eingeschlossen.

  • Ich fürchte, an die notwendige Regulierung der Banken wird sich Politik nicht trauen, obwohl diese die wahre Achillesferse der Wirtschaft sind.

    Das Verlangen, zum zweiten Male durch Steuergelder gerettet zu werden, ist an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten - ist eine glatte Erpressung der Politik. Wann wird den Vorständen der beteiligten Institute endlich einmal der Prozeß gemacht?

    Zitat: "Merkel will auf Expertenratschläge hören."

    Es kommt doch wohl darauf an, auf welche Experten sie hört - und welchen sie letztlich ihren Glauben schenkt. Und da stellt sich mir schon die Frage: Mit wem hat sie sich denn bis jetzt beraten? Nur mit Ackermann? Dann allerdings ist mir einiges klar...

  • Die Bankenrettung hat das wahre Gesicht unseres Finanzsystems zum Vorschein gebracht.

    Die Banken brauchten Geld, also bekommen sie es vom Staat(Bürger).
    Der hatte aber selbst kein Geld, also leiht er es sich von den Banken. Doch woher haben diese denn nun plötzlich das Geld, um es dem Staat zu leihen? Banken verleihen eben nicht – was viele heute immer noch glauben – vorhandenes Geld, nein sie erzeugen es, indem sie Kredit geben. So entsteht das, was wir heute „Geld“ nennen – durch Schulden.

    Die Rückzahlung der Systemverschuldung ist unmöglich.

    Das Wachstum von Steuerlast und Schulden ist systembedingt. Geld entsteht ausschließlich dadurch, daß Zentral- und Geschäftsbanken es verleihen. Die gesamte Geldmenge wurde dem Staat, den Unternehmen und den Bürgern nur geliehen. Jeder einzelne Euro müßte theoretisch zurückgezahlt werden. Nach der Rückzahlung aller Schulden gäbe es kein Geld mehr.

    Der gesamten Geldmenge steht also ein gleich großer Schuldenberg gegenüber – plus Zinsschulden. Würde man wirklich versuchen, alle Schulden zurückzuzahlen, blieben am Ende noch die Zinsschulden übrig, denn das Geld, das man dafür bräuchte, wurde noch nicht hergestellt.

    Wer das nicht versteht, findet hier Wissen:

    http://www.steuerboykott.org

    http://www.finanzkrise-politik.de

    http://www.mmnews.de

  • Soll doch Merkel ihren bankstern direkten Zugriff auf den staatshaushalt geben. Das wäre doch das, was die Märkte wollen. außerdem wären dann diese absurden Krisentreffen im 2-Tage-Takt nicht mehr nötig. also, nur zu.

  • Die EZB kauf nicht Staatsanleihen in Höhe von 40 Mrd. €, sondern covered bonds! Der Bericht ist also grob falsch!
    6 October 2011 - ECB announces new covered bond purchase programme

    The Governing Council of the European Central Bank (ECB) has today decided to launch a new covered bond purchase programme (CBPP2).

    The programme will have the following modalities:

    purchases will be for an intended amount of €40 billion;

    purchases will have the capacity to be conducted in the primary and secondary markets and will be carried out by means of direct purchases;

    purchases will begin in November 2011 and are expected to be completed by the end of October 2012.

    Further details regarding the modalities of CBPP2 will be announced after the Governing Council’s meeting on 3 November 2011.

  • Er ist ein Ausbund an Flexibilität: er hat doch das schlechte Krisenmanagement erst möglich gemacht. Die zugesagten Anleihen-Käufe der EZB waren das Einfallstor für die Schuldenstaaten, das sie durch geschickte Personalpolitik (IWF-leitung: Frankreich, EZB-Leitung: Frankreich, jetzt Italien, Hardliner Weber ausgegrenzt, Soft-Asmussen ersetzte Stark)genutzt haben. Wenn er jetzt ruft "haltet den Dieb", klingt das wenig glaubhaft. Er geht als Präsident in die Währungsgeschichte ein, der die vertragliche Bestimmung der EZB grob verletzt hat.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%