EZB-Volkswirt Stark
„Griechenland sollte ehrgeiziger sein“

EZB-Volkswirt Stark fordert von Griechenland, den Sanierungskurs konsequenter umzusetzen. Durch den Verkauf von Immobilien oder Unternehmen könne das Land bis zu 300 Mrd. Euro einnehmen.
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Berlin/AthenDas hoch verschuldete Griechenland könnte der EZB zufolge mit dem Verkauf von Tafelsilber weitaus mehr Geld einnehmen als bisher angepeilt. „Die griechische Regierung hält Anteile an börsennotierten Unternehmen, sie besitzt Immobilien“, sagte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark laut einem am Samstag vorab veröffentlichten Interview der „Welt am Sonntag.“ Experten schätzten das Verkaufspotenzial auf bis zu 300 Milliarden Euro, sagte Stark. „Ein Teil dieser Werte muss mobilisiert werden, um den Schuldenstand zu senken.“ Bisher würden mit dem Privatisierungsprogramm 50 Milliarden Euro bis 2015 angestrebt. „Man sollte hier ehrgeiziger sein“, forderte Stark. 

Zudem bewirkten Privatisierungen mehr Effizienz in der gesamten Volkswirtschaft, betonte der EZB-Banker mit Blick auf Griechenlands Staatsbeteiligungen. Griechenland habe über Jahrzehnte eine falsche Wirtschaftspolitik betrieben und zuletzt über seine Verhältnisse gelebt. „Eine Kehrtwende ist unausweichlich und schmerzhaft.“ 

Stark attestierte der Athener Regierung erste Fortschritte bei der Umsetzung des Sanierungsprogramms, das EU und IWF zur Bedingung für Hilfen gemacht hatten. „Aber es bedarf einer Intensivierung der Anstrengungen.“ Griechenland sei kein Fass ohne Boden. Voraussetzung sei aber, dass die notwendigen Maßnahmen auf griechischer Seite umgesetzt würden. 

Forderungen nach einer Umschuldung Griechenlands erteilte Stark im Sinne der bisherigen Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) erneut eine Absage. „Die Annahme, es gebe für Griechenland eine einfache Lösung, die weniger schmerzhaft ist, halten wir bei der EZB für eine Illusion.“ An der Höhe der Schulden ändere sich wenig, die Reformbemühungen drohten aber zu erlahmen. „Mit einem harten Schuldenschnitt würde das Bankensystem dort kollabieren - die Wirtschaft auch“, warnte Stark. Er stellte sich zudem hinter Forderungen nach einer unabhängigen Privatisierungsagentur ähnlich der Treuhandanstalt in Deutschland. EU-Vertreter hatten Griechenland eine Privatisierung von Staatsbesitz nach dem Vorbild der Treuhand empfohlen, die den Verkauf des DDR-Vermögens geleitet hatte. 

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Kommentare zu " EZB-Volkswirt Stark: „Griechenland sollte ehrgeiziger sein“"

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  • Sieht manchmal so aus, ja. Die Währungsunion ist aber erst dann gefährdet, wenn die Sparer und die Steuerzahler ihr Geld an die Spekulanten weitergegeben haben. Wenn aus den Normalbürgern nichts mehr zu holen ist. Und beim nächsten Währungswechsel wird es höchstwahrscheinlich dann alles nochmals teurer. Merke: Es rentiert sich nicht mehr für die Industrie, wenn das Fussvolk wohlhabend und abgesichert ist. Es läuft viel effizienter, wenn die verschuldeten Arbeiter und Angestellte unter Druck und in Zukunftsangst leben, damit sie auch wirklich was leisten, ohne grosse Ansprüche auf Sozialleistungen zu stellen. So wie die Konkurrenz aus Asien.

  • Die Aussagen der EZB Vertreter, wie die von Stark, zeigen, wie tiefgreifend die existenzbedrohenden Sorgen über das weitere Bestehen der Währungsunion in der aktuellen Form innerhalb der EZB und die Furcht einer überzogenen Reaktionen der Finanzmärkte sind.

    Wenn die EZB zu solch unglaubwürdigen, leicht widerlegbaren Aussagen über die aktuelle Haushalts- und Schuldenprobleme Griechenlands und deren Lösbarkeit ohne Umschuldung greifen muss, muss die aktuelle Situation, in die alleine die EZB den besten Einblick hat, weitaus dramatischer sein, als dies in der Öffentlichkeit bekannt ist.

    Das erinnert an Propagandamassnahmen von Diktatoren wie Gaddafi, die ihr drohendes Ende nicht wahrhaben wollen.

  • Ja, es ist was dran an Ihrem Kommentar. Trotzdem, in diesem Fall sieht es etwas anders aus. Das ganze Kreditpaket für Griechenland ist eindeutig doch an die Grossbanken, die im Land tätig sind, gerichtet, damit die Sparer in Europa und in den USA nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.Mit dem angeblichen "Geld" werden auch nur überhöhte Zinsen und Zinseszinsen bezahlt, keine Schulden getilgt oder sonstige Leistungen erbracht. Davon profitiert sicher nicht der Sozialstaat, sondern genau die Institutionen, die früher die anderen Subventionen konsumiert haben. LG aus Athen

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