Faktor Mensch: Von Frühlingsgefühlen und grünen Aussichten

Faktor Mensch
Von Frühlingsgefühlen und grünen Aussichten

Schweres schieben wir beiseite. Der arabische Frühling, der inzwischen ein Krieg in Libyen ist, und die Atomkatastrophe von Japan sind weit, weit weg. Wir wissen: Die Krisen werden uns früh genug einholen.
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Riechen, spüren, schmecken Sie es auch? Die Krokusse, den warmen Wind, die grelle Helligkeit, den Espresso im Straßencafé, das erste Eis auf die Hand? Es ist wieder Frühling. Und wir drängen nach draußen wie flügge gewordene Spatzen, auch wenn unsere hypersensiblen Städteraugen und -nasen vor Pollen brennen und triefen. Frühlingsgefühle überkommen nicht nur Altkicker Lothar Matthäus (privat) und unseren Umweltminister Norbert Röttgen (beruflich), selbst im Controlling wird mal ein Blick aus dem Fenster geworfen.

Alles wird leichter. Das Flugzeug ist verspätet, die Landung wegen des Hochdrucks auch noch ruppig – und was machen wir? Uns aufregen? Nein, wir finden es belebend und hüpfen gut gelaunt aus der Maschine. Den Taxifahrer, der uns einen lukrativen Umweg bietet und meint, wir merken es nicht, stellen wir zuckersüß bloß: „Für diese schöne Spazierfahrt haben Sie sich ein Extratrinkgeld verdient ...“ Den Kollegen, den ewig nervigen Konkurrenten mit seinen gemeinen Attacken von der Seite, lächeln wir einfach weg. Und dem Chefchef, der uns für das erste Frühlingswochenende noch eine Präsentation als Hausaufgabe verpasst, entgegnen wir mit neutralem Gesichtsausdruck: „Aber gerne doch. Das erledige ich Samstag zwischen Autowaschen und Angrillen!“

Schweres schieben wir beiseite. Der arabische Frühling, der inzwischen ein Krieg in Libyen ist, und die Atomkatastrophe von Japan sind weit, weit weg. Und auch im Alltäglichen belasten wir uns nicht. Die Zielvereinbarungen für 2011, die uns unser Chef aufgeschwatzt hat, verdrängen wir vorerst genauso wie die körperlichen und bilanziellen Problemzonen, die unzureichende Altersvorsorge, die noch zu machende Steuererklärung, ungewaschene Wäsche.

Es ist, als wären wir nicht Mensch, sondern Maschine und als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt. Wie die Natur erwachen auch unsere Konsumgeister. Die Prämie für das Superjahr 2010 in der Tasche, stöckeln und sandalieren wir nach Feierabend und am Wochenende los. Die Damen zur Kosmetikerin und Fußpflege, die Herren in den Baumarkt, die Autowaschstraße und wegen des Cabrios zum Straßenverkehrsamt.

Wir leben und lieben diesen alljährlichen Neuanfang und könnten dabei manchmal wie schon Goethe, dieser Stürmer und Dränger, Romantiker und Klassiker, im Osterspaziergang in Faust I ausrufen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ Wir sind überschwänglich, denn wir wissen: Die häufig geschmacklose und sinnarme Realität holt uns früh genug schon wieder ein – spätestens beim schon (wieder) avisierten Schwiegermutterbesuch oder nächsten Montag.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende! In Baden-Württemberg soll es ja ein besonders grünes werden. Übertreiben Sie es aber nicht – mit den Frühlingsgefühlen.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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