Fall Natascha Kampusch
Grünen-Sprecher kritisiert gravierende Polizeifehler

Ihr Vertrauen in die Polizei hat Entführungsopfer Natascha Kampusch verloren. Dazu hat sie guten Grund: Grobe Pannen haben ihre Befreiung verhindert. Das wird nach ihrer Flucht vor zehn Jahren deutlich.

Wien„Der Fall Natascha Kampusch könnte glücklich zu Ende gegangen sein.“ Der Chef des österreichischen Bundeskriminalamts Herwig Haidinger ist auf der Pressekonferenz am Abend des 23. August 2006 noch vorsichtig. Verwandte haben die 18-Jährige zwar identifiziert und einen Pass auf den Namen Kampusch hat die junge Frau auch, aber noch fehlt das Ergebnis des DNA-Tests.

Rund sieben Stunden vorher, um 13.04 Uhr, hatte ein Anruf die Polizei in Strasshof bei Wien alarmiert. Eine panische junge Frau war vor der Laube einer Kleingartenkolonie aufgetaucht. „Bitte helfen Sie mir. Rufen Sie die Polizei. Ich werde verfolgt.“ Natascha Kampusch hatte nach achteinhalb Jahren in der Gewalt ihres Entführers einen günstigen Moment zur Flucht genutzt.

Einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Alpenrepublik schien gelöst. Der Entführer, der 44-jährige Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, warf sich noch am selben Abend vor einen Zug. „Ich bemerkte die Bewegung von etwas Hellem. (...) Dieser helle Schatten legte sich in den Gleiskörper“, gab der Lokführer der S-Bahn kurz darauf zu Protokoll. Eine Aussage von großer Bedeutung, denn bis heute halten sich Theorien, dass Priklopil von einem immer noch unbekannten Co-Entführer ermordet und als Leiche auf die Gleise gelegt worden sei.

Doch dieser 23. August ist nicht das Ende der Geschichte. Der Tag sei der Beginn einer großen Vertuschungsaktion gewesen, sagt der Sicherheitssprecher der österreichischen Grünen, Peter Pilz.

Mit Zugang zu den Akten – insgesamt umfassen sie 270.000 Seiten – hat er schon vor einigen Jahren ein Dossier zusammengestellt, das einen dunklen Schatten auf Polizei und Politik wirft. „Der Fall ist ein Beispiel für ganz überraschend schlechte Ermittlungen. Das war schlicht und einfach Pfusch, was am Anfang passiert ist. Ich war selbst überrascht, wie dilettantisch die Kriminalpolizisten vorgehen, wie schlecht Spuren nachgegangen worden ist“, sagt Pilz im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Diese Fehler seien unmittelbar nach der Flucht von Kampusch im Innenministerium schnell erkannt worden. Wenige Wochen vor der Parlamentswahl im Herbst 2006 habe die konservative ÖVP eine „Pannen-Debatte“ um jeden Preis vermeiden wollen. „Dann hat es (...) eine Panikreaktion gegeben: ‚Um Gottes willen, das Versagen der Polizei könnte uns bei der Wahl schaden‘“, meint Pilz.

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