Farc-Rebellen
Venezuela und Ecuador machen gegen Kolumbien mobil

Der kolumbianische Militärschlag gegen linke Farc-Rebellen in Ecuador schürt die Angst vor einem neuen Krieg in Südamerika. Venezuela und Ecuador ließen gestern demonstrativ Truppen an der Grenze zu Kolumbien aufmarschieren und zogen ihre Botschafter aus Bogotá ab. Experten halten das Säbelrasseln von Hugo Chávez für innenpolitisch motiviert.

SÃO PAULO. Venezuelas Präsident Hugo Chávez drohte mit einem militärischen Gegenschlag, falls kolumbianische Soldaten auf venezolanisches Gebiet vordringen sollten: „Wir wollen keinen Krieg, aber wir werden nicht erlauben, dass das US-Imperium und sein Büttel Uribe uns trennen“, sagte er mit Blick auf seinen engen Verbündeten, den ebenfalls linksgerichteten Staatschef Ecuadors, Rafael Correa. Beide sind Gegner des konservativen kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe, der von den USA unterstützt wird.

Die kolumbianische Armee hatte am Samstagmorgen bei einem Luftangriff in Ecuador 17 Farc-Rebellen getötet, darunter den Vizechef der Gruppe, Raúl Reyes. Anschließend waren Bodentruppen ohne Genehmigung knapp zwei Kilometer auf das Territorium des Nachbarlandes vorgedrungen und hatten die Leichen des 59-Jährigen sowie eines zweiten ebenfalls getöteten Farc-Kommandanten geborgen. Kolumbiens Verteidigungsminister Juan Manuel Santos lobte die Aktion als bisher „stärksten Schlag“ gegen die Farc, die von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird.

Präsident Uribe hatte zunächst erklärt, die kolumbianischen Truppen seien angegriffen worden und hätten in Notwehr gehandelt. Da später aber offensichtlich wurde, dass die Aktion von langer Hand geplant war, entschuldigte sich Uribe bei Ecuador. Staatschef Correa erwiderte: „Wir brauchen keine Entschuldigungen, sondern möchten respektiert werden.“

Die Militäraktion torpediert auch die Vermittlungsbemühungen von Chávez in der kolumbianischen Geiselkrise. Die Farc soll noch 700 Menschen in ihrer Gewalt haben, darunter die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Erst vergangene Woche hatten die Rebellen vier hochkarätige Geiseln freigelassen. „Die Verhandlungen mit der Farc sind jetzt vorbei“, sagt der Lateinamerika-Experte Walter Molano von der Investmentbank BCP. „Die Wahrscheinlichkeit hat sich erhöht, dass es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.“

Mit Kolumbien und Venezuela treffen zwei hochgerüstete Regionalmächte aufeinander. Venezuela hat in den vergangenen Jahren für geschätzte vier Mrd. Dollar russische Waffen eingekauft – von Kalaschnikow-Gewehren bis hin zu Sukhoi-Kampfjets. Kolumbiens Streitkräfte erhalten für ihren Kampf gegen die Drogenmafias seit Jahren Milliardeninvestitionen aus den USA. Auch das kleine Ecuador investiert seit dem kurzen Grenzkrieg mit Peru 1995 in die Modernisierung seiner Streitkräfte.

Oscar Reyes, Politologe von der Katholischen Universität Andrés Bello in Caracas, interpretiert Chávez’ Säbelrasseln aber vor allem als innenpolitisch motiviertes Ablenkungsmanöver: „Die Gemeindewahlen im Oktober rücken näher, und die Chávez-Partei schneidet in den Umfragen schlecht ab. Ein harter Kurs mit Kolumbien bringt Chávez Stimmen.“ Denn der seit fast zehn Jahren regierende Präsident hat zuletzt an Popularität eingebüßt: Obwohl Venezuela mit Ölexporten Milliarden verdient, werden vielerorts die Lebensmittel knapp.

Offiziell haben sich Nahrungsmittel binnen zwölf Monaten um 32 Prozent verteuert, erklärt Pedro Luis España, Sozialexperte von der Uni Andrés Bello. Inoffiziell dürfte die Inflationsrate noch weit höher liegen, weil viele Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt zu Wucherpreisen verkauft werden. España rechnet damit, dass der Anteil der Armen an Venezuelas Bevölkerung dieses Jahr erstmals wieder steigen wird: von 45 auf 47 Prozent.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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