Fazit der Merkel-Reise nach Algerien
Ein Engel als Geheimwaffe

Algeriens neue Geheimwaffe gegen die radikalen islamistischen Umtriebe im Land heißt Jürgen Engel. Der freundliche Deutsche mit den weißen Haaren und der intellektuell wirkenden Hornbrille ist aber weder Waffentechniker, Abhörspezialist noch Geheimdienstexperte. Jürgen Engel ist Architekt.

ALGIER. Stolz saß Engel gestern im algerischen Präsidentenpalast neben einem ranghohen Vertreter des nationalen Religionsministeriums und unterzeichnete den Vertrag über den Bau der neuen, zentralen Moschee in Algeriens Hauptstadt.

Das Projekt ist nicht irgendeine der unzähligen modernen Beton-Moscheen, die aus Fertigteilen montiert werden und im ganzen Orient wie Pilze aus dem Boden schießen. "La grande mosque", wie das neue Gotteshaus ehrfürchtig genannt wird, soll der drittgrößte Sakralbau der muslimischen Welt werden.

Das Minarett, von dem aus der Muezzin künftig die Gläubigen fünfmal täglich zur Anbetung Allahs aufrufen wird, soll sogar der höchste Turm einer Moschee überhaupt werden. 214 Meter hoch wird die kühne Konstruktion mit einem illuminierbaren Halbmond an der Spitze in den blauen Himmel über Algier aufragen. Bis zu 40 000 Gläubige sollen in der Moschee Platz finden.

Der stolze Bau, der laut Architekt Engel die Dimensionen des Petersdoms in Rom sprengt, hat natürlich seinen Preis. Knapp eine Milliarde Euro muss der algerische Staat dafür berappen. Da mit der Moschee noch die Errichtung zahlreicher weiterer Gebäude und eine riesige Stadtentwicklungsplanung verbunden sind, summieren sich die Gesamtkosten des hypermodernen Komplexes auf knapp drei Milliarden Euro.

Zwar verfügt Algerien über hohe Einnahmen aus der Gas- und Ölförderung. Angesichts der überall sichtbaren sozialen Missstände allerdings könnte der finanzielle Aufwand für das staatliche Prestigeprojekt im ärmeren Teil der Bevölkerung auf Unmut stoßen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Algerien-Besuch Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika genau diese Frage stellt, reagiert der aber gelassen. Im Gegenteil, lautete die Antwort für die Besucherin aus Mitteleuropa: Je größer und prächtiger die Moschee ausfalle, desto eher finde er den Beifall der gläubigen Bevölkerung.

Vor allem die radikalen Moslems, die der Regierung in Algier Missachtung der Scharia und mangelnde religiöse Ehrfurcht vorwerfen, können angesichts der überwältigenden Dimension der "grande mosque" kaum noch Kritik äußern, so das Kalkül.

Dass der Auftrag nach Deutschland ging, freut Kanzlerin Merkel natürlich - hatte sie doch bereits am Vorabend als Ziel ihres Besuchs in Algerien ausgegeben, die "Köpfe, Herzen und Genehmigungen" erreichen zu wollen. Dazu passt ein religiöser Bau ganz hervorragend. Denn er zeigt, dass die kulturübergreifende Kooperation auch in einer ungewöhnlichen Richtung funktionieren kann.

Das Architektenbüro KSP Engel und Zimmermann soll zusammen mit dem Ingenieurteam Krebs und Kiefer den Auftrag stemmen. Bauen soll die Moschee dann ein deutsch-tunesisches Konsortium. Dass die Planung von einem Architekten aus einem christlichen Land stammt, scheint in Algier niemanden zu stören. Der Entscheidung ging eine internationale Ausschreibung voraus, an der neben arabischen auch viele europäische Architekturbüros teilnahmen, berichtet Engel. Am Anfang habe er kaum an einen Erfolg geglaubt, zumal ihm nur wenige Monate Zeit blieben.

Über große Erfahrung mit Sakralbauten, ob christliche oder muslimische, verfügte er ohnehin nicht: "Das ist die erste, vielleicht auch letzte Moschee meines Lebens." Neben den vielen klassischen, orientalischen Entwürfen konnte Engel sich aber schließlich mit seinem modernen Vorschlag durchsetzen. Er verzichtete auf die typischen maurischen Ornamente, auf verschlungene Blumenmuster, zwiebelförmige Kuppeln und Türme. Stattdessen überzeugte er die algerische Staatsführung mit einem luftigen Bau mit geraden Linien und langen, schlanken Säulengängen, die sich zu zwei Innenhöfen öffnen.

Damit kam Engel dem in Algerien weit verbreiteten Wunsch entgegen, das traditionelle, als altmodisch empfundene Bauwesen hinter sich zu lassen und konsequent auf moderne Architektur zu setzen. Zwar versuchte er, alte Gebäude in der Umgebung zu erhalten, um eine "gewisse historische Einordnung" zu gewährleisten. Doch die Bauherren ließen sich nur schwer überzeugen.

Ein Erfolg ist dem Frankfurter Architekten jetzt schon sicher: Von den im Kanzlertross mitreisenden Wirtschaftsvertretern war er der einzige, der gestern mit einem unterschriebenen Abschluss in der Tasche zurück nach Berlin flog.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%