Fernsehduell in Polen
Wahlkampf ohne Tiefe

In einem lahmen Wahlkampf erwartet Polen den ersten öffentlichen Auftritt von Premier Kaczynski: In einem Fernsehduell wird er heute Abend mit dem früheren Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski, Chef der Linksdemokraten, aufeinandertreffen – sehr zum Ärger von Oppositionsführer Donald Tusk, der sich von Polens Premier über den Tisch gezogen fühlt.

WARSCHAU. Warum soll ich mit dem Gehilfen reden, wenn ich auch mit dem Chef sprechen kann“, sagt Polens Premier Jaroslaw Kaczynski und lächelt süffisant in die Kameras. „Chef“ ist in diesem Fall der frühere Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, der inzwischen an der Spitze der Linksdemokraten steht. Er und Kaczynski werden sich heute Abend ein Rededuell im polnischen Fernsehen liefern. Kwasniewski ist vor einigen Tagen völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden, um sich von Experten für den Auftritt präparieren zu lassen.

Der „Gehilfe“ wiederum wirkt reichlich genervt, wenn ihn Journalisten auf das Fernsehduell der Kontrahenten ansprechen. Gemeint ist Oppositionsführer Donald Tusk von der Bürgerplattform. Hinter den Kulissen wirft Tusk seinem Wahlstab vor, von den Gegnern über den Tisch gezogen worden zu sein. Der Ärger ist verständlich, denn in den Umfragen liegt die Bürgerplattform zusammen mit der Gerechtigkeitspartei von Kaczynski weit vor den Linksdemokraten Kwasniewskis. So wäre es eigentlich die Aufgabe von Tusk, mit Kaczynski in den Ring zu steigen.

Das Gerede vom „Gehilfen“ Tusk verrät Kaczynski Taktik. Immer wieder wirft er dem Oppositionsführer vor, nach der Wahl am 21. Oktober eine Koalition seiner Bürgerplattform mit den Linksdemokraten Kwasniewskis bilden zu wollen. Und das, so Kaczynski, werde Polen in die alten kommunistischen Zeiten zurückführen. Der Vorwurf ist zwar falsch, weil Tusk eine solche Koalition nicht will, schürt aber Ängste bei einem Teil der Wähler. Auch wenn die Linksdemokraten heute programmatisch westlichen Sozialdemokraten vergleichbar sind, reichen ihre personellen Wurzeln doch bis auf die alten Zeiten zurück. Gerade Kwasniewski hatte schon vor 1989 Karriere gemacht.

Das heutige Fernsehduell zeigt einmal mehr, dass Premier Kaczynski und seine Gerechtigkeitspartei die Initiative in der Hand behalten. Immer ist der Premier einen Schritt schneller, wenn es darum geht, Themen in der Öffentlichkeit zu platzieren und auch Begriffe zu lancieren, die dann von den Medien tagelang diskutiert werden. Das gilt beispielsweise für den Kampf gegen die Korruption, den die Gerechtigkeitspartei besonders auf ihre Fahnen geschrieben hat, weil dies vielen Wählern am Herzen liegt. Auch Oppositionsführer Tusk befürwortet diesen Kampf, kann aber kaum erklären, was eine von ihm geführte Regierung in diesem Fall anders machen würde. Nicht anders war es, als Kaczynski führende Unternehmer als „Oligarchen“ titulierte, die sich auf Kosten des Volkes bereichern würden.

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