Fernsehkritik Anne Will
„Wollen Sie auch einen Rettungsschirm?“

Nach einer kurzen Ruhepause ist sie zurück in den Talkshows: Die Eurokrise. In der Talksendung von Anne Will geraten darüber ihre Gäste heftig in Streit. Am Ende steht eine nüchterne Erkenntnis von unerwarteter Seite.
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BerlinSchon ist sie da wieder, die Furcht vor dem Fiasko. Griechenland scheint nach den Wahlen ein ganzes Stück näher an den Staatsbankrott herangerutscht zu sein. In Frankreich steht nach dem Sieg des Sozialisten François Hollande in Frage, ob Paris seine Haushaltsziele künftig einhalten wird. Und auch in der Schweiz lief es schon mal besser: Der Franken ist nämlich zu stark. Der Tourismus leidet, der Export sowieso, seufzte der ehemalige Schweizer Diplomat und Unternehmensberater Thomas Borer in Anne Wills Sendung. „Wollen Sie auch einen Rettungsschirm?“, fragte die Moderatorin ironisch.

 „Die Deutschen sind ja so gutmütig, die würden uns sicher auch noch unter die Arme greifen“, scherzte darauf der Eidgenosse bitter. Das allerdings dürfte inzwischen zu bezweifeln sein; zumindest die schrille Tonlage der Diskussion bei Anne Will legt den Schluss nahe, dass allmählich Schluss ist mit dem bereitwilligen Schnüren immer neuer Rettungspakete. Schon der ziemlich plump formulierte Titel der Sendung gab eine boulevardeske Vereinfachung des komplexen Themas vor: „Griechen und Franzosen wählen den Sparkurs ab – zahlt Deutschland die Euro-Zeche allein?“ Die Bundesbürger als tüchtige Zahlmeister, die undisziplinierten Geldausgeber im Süden – wenn sich ein so schlichtes Malen-nach-Zahlen-Schema doch nur auf die europäische Finanzwelt anwenden ließe.

Und wo die Büchse mit den Klischees schon mal geöffnet war, kramte Bayerns Finanzminister auch eifrig darin herum: Als die deutsche Exportwirtschaft zur Sprache kam, die nach wie vor massiv von den Bedingungen in der Eurozone profitiert, rief er: „Ja, liebe Leute, die Deutschen sind in der Tat fleißig, Gott sei Dank!“ Es stelle sich jedoch die Frage, ob die Finanzhilfe für Griechenland sich überhaupt lohne, oder eher dazu führe, dass dort „noch weniger gearbeitet“ werde. So, wie Söder es sieht, ist der Austritt Griechenlands der einzige Weg zur Lösung der Eurokrise: „Wir können nicht als Deutsche den Euro dadurch belasten, dass ein Partner die anderen an der Nase herumführt.“

Was die Sendung auf jeden Fall klar machte, ist, dass die Schuldenkrise nach einer kurzen Ruhepause wieder ihr hässliches Haupt erhoben hat. Vor allem der unklare Ausgang der Abstimmung in Athen lässt die Sorge um die Zukunft des Euro wachsen: Der linksradikale Wahlgewinner Alexis Tsipras will das „barbarische Spardiktat“ nicht mehr mitmachen und alle Vereinbarungen zwischen Griechenland und den Geldgebern platzen lassen. Für den FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis ist das nichts als reine Wahlkampf-Rhetorik. Chatzimarkakis geht nämlich fest davon aus, dass es in Griechenland ohnehin demnächst Neuwahlen geben wird. Bei dieser kommenden Abstimmung werde es dann um Grundsatzfragen gehen. Um „ja oder nein“, um „schwarz oder weiß“ gehen, ja, um das Risiko einer sprunghaften Kontinentalverschiebung: „Afrika oder Europa“, das seien die Alternativen, zwischen denen sich Griechenland nun zu entscheiden habe.

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  • Es wird für mich immer schwerer bei der Betrachtung unserer Medien und Politiker meine Meinungen nicht allzu radikal zu ändern.Mit absoluter Arroganz werden Fakten wie die ständigen Vertragsbrüche der EU -der Verdummung der Bürger-die hirnrissigen Rettungsschirme die gezahlt in den Händen korrupter Politiker verschwinden-es ist ein Albtraum für jeden Bürger der daran zweifeln muss ob er noch in einer Demokratie lebt.Wen es doch mehr Politiker vom Range des Bundestagspräsidenten Lammert geben würde könnte man hoffen!
    Gruß Richard H. Holzhütter

  • Wo sind die Polit - Barden von einst die sich unter anderem auch dieser Problematik annehmen könnten aber auch diese sind System angepasst und machen Werbung für Bild.
    Die gesamte Berichterstattung ist darauf Fixiert dem Volk nicht die Wahrheit zu vermitteln und mit Absicht werden hier andere Themen benannt.
    Auch der kommende Krieg zwischen Israel als Agressor und dem Iran wird noch ausgeblendet mit den Weitreichenden Konseqenzen für den Euro diese Tatsache ist sehr schlimm.

    Manfred Röseler 12207 Berlin

  • Ich habe mich sowieso gefragt, was der Oberabzocker und Mega-Rentner Eichel in der Sendung zu suchen hatte. Er gehört nämlich zu den Hauptverantwortlichen, die den Griechen damals Tür und Tor geöffnet haben. Und der zu seiner Amtszeit, als die deutsche Schuldenlast noch wesentlich geringer war, die 100 Milliarden aus den Einnahmen der UMTS-Lizenzen zwecks Wählerbeglückung ganz easy im laufenden Haushalt verbraten hat, anstatt davon Schulden zu tilgen.
    Und Chatzimarkakis: Sitzt wohlgemerkt für die deutsche FDP im Europaparlament, schimpft aber gegen die bösen Deutschen, die auf Kosten der anderen Gewinnen machen. Spätestens jetzt ist mir klar, warum das mit dem Doktortitel gefloppt ist. 45 Milliarden Zinslast hätten die bösen Deutschen bei den letzten Begebungen ihrer Staatsanleien gespart. Schon mal was davon gehört, dass es einen Zusammenhang zwischen zu zahlendem Zins und Ausfallrisiko gibt? Wahrscheinlich glaubt er, dass das auch ein Teufelswerk der bösen Deutschen war. Mit diesem Fachwissen sollte er im Europaparlament höchstens zum Licht einschalten eingesetzt werden!

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