Fernsehsender gesteht Selbstzensur beim Geiseldrama ein
Medien kritisieren Fehlinformationen des Kremls

Der Chefredakteur der angesehenen russischen Tageszeitung „Iswestia“, Raf Schakirow, ist wegen der Berichterstattung über das Geiseldrama in Beslan zurückgetreten. Die Leitung des Verlages Prof-Media, zu der „Iswestia“ gehört, und er hätten unterschiedliche Ansichten über die Ausgabe vom Samstag gehabt, in der schockierende Fotos von verwundeten und toten Kindern gezeigt wurden, sagte Schakirow laut einem Interview- Mitschnitt auf der Website Newsru.com. Er ergänzte: „Ich wurde gezwungen zurückzutreten.“

MOSKAU. Einer der am Freitag in Beslan verhafteten mutmaßlichen Terroristen äußerte sich am Montag im russischen Fernsehen. Drahtzieher der Geiselnahme waren demnach der tschetschenische Rebellenführer Schamil Bassajew und der frühere Präsident der Region, Aslan Maschadow. Dies sei ihm mitgeteilt worden, sagte der Festgenommene. Ziel der Geiselnahme sei gewesen, „einen Krieg im gesamten Kaukasus zu entfesseln“.

Russland hat am Montag mit landesweiter Staatstrauer der Opfer des Geiseldramas gedacht. In Beslan nahmen mehrere tausend Menschen Abschied von den Getöteten. Als einziger hochrangiger Politiker war Parlamentschef Boris Gryslow angereist. Präsident Wladimir Putin blieb in Moskau. Bei der Geiselnahme starben nach offiziellen Angaben 338 Menschen, 565 Verletzte werden noch behandelt. 190 Menschen werden von Angehörigen weiter vermisst, die Behörden sprechen dagegen nur von „Einzelfällen“.

Die Arbeit der Behörden wird inzwischen auch vom staatlichen Fernsehen kritisiert. Der Kreml-nahe TV-Sender „Rossija“ zeigte am Sonntagabend erstmals die bis dahin zurückgehaltenen grausamen Bilder vom Sturm auf die Schule am Freitag, die westliche Kanäle live in alle Welt ausgestrahlt hatten. Der Moderator der Nachrichtensendung „Westi“, Sergej Briljow, kritisierte die von den Behörden während des Dramas zu niedrig angegebenen Geisel- und später die nach unten korrigierten Opferzahlen: „In solchen Momenten braucht die Gesellschaft die Wahrheit“, begründete der Kanal den Informationsumschwung. Ebenfalls im Staatsfernsehen übten Augenzeugen und Analysten schwere Kritik an den Behörden und sogar an Putin: Die verbreiteten Lügen „schmücken unseren Präsidenten nicht“, sagte der Kreml-Berater Gleb Pawlowskij. Indem die staatlichen Medien auf Weisung des Kremls die Zahl der Geiseln von über 1 100 auf 354 heruntergeredet hatten, seien die Geiselnehmer so verärgert worden, dass sie ihren Gefangenen kein Wasser mehr gaben, berichteten Überlebende.

Unterdessen hielt die Kritik an der unkoordinierten und unprofessionellen Arbeit der Behörden während der Geiselnahme an. „Bei der Befreiungsaktion gab es zu viele Kommandeure. Am Ende starb deshalb jede dritte Geisel“, schrieb das Wirtschaftsblatt „Wedomosti“. Michael Hethh von der Moskauer Investmentbank Aton kritisierte, „die russischen Sicherheitskräfte sind mehr mit Geschäften beschäftigt denn den Feind zu bekämpfen“. Am Samstag hatte Putin bei einer Fernsehansprache einen Umbau der Sicherheitskräfte im Kaukasus und einen „prinzipiell neuen Zugang zur Arbeit der Rechtsschutzorgane“ angekündigt. Weitere Politiker schlossen sich der vom liberalen Duma- Abgeordneten Wladimir Ryschkow geäußerten Forderung nach einem unabhängigen Untersuchungsausschuss an. Mit Irina Hakamada und Sergej Glasjew erhoben jetzt Politiker aus unterschiedlichen Lagern die gleiche Forderung.

Banken wie HSBC und Russlands Alfa-Bank machen sich derweil Sorgen, dass das Geiseldrama die Wirtschaftsreformen beeinflussen kann. Diese könnten gestoppt werden, wenn sich Putin allein auf die Stärkung der Sicherheitskräfte konzentriere. Die in Russland stark engagierte österreichische Raiffeisen Zentralbank argumentiert, Russland müsse seine Sicherheitsausgaben erhöhen, auch um Polizisten und Geheimdienstlern „konkurrenzfähige Gehälter“ zahlen und so die Korruption eindämmen zu können.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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