Fernsehstreit
Kampf um Polens Funkturm

Boguslaw Szwedo ist ein Senderchef ohne Sender. Eigentlich sollte der 51-jährige den wegen eines Nazi-Skandals in Verruf geratenen Piotr Farfal an der Spitze des staatlichen Fernsehsenders TVP ablösen. Doch der will seinen Sessel nicht räumen und lässt seinen Nachfolger vor verschlossenen Türen stehen.

WARSCHAU. Im Handbuch für Revolutionäre lautet die erste Anweisung für den Umsturz kurz und bündig: Funkturm besetzen. Der Sender-Sturm, der sich derzeit in Warschau abspielt, ist zwar nicht revolutionär, dafür aber spektakulär. Auf deutsche Verhältnisse übertragen wäre es so, als ob ZDF-Intendant Markus Schächter wegen einer von den Parteien kritisierten Berichterstattung handstreichartig vom Lerchenberg vertrieben würde. Aber auch sein gewählter Nachfolger käme nicht ins Sendezentrum des Zweiten hinein.

In Warschau hatte der Aufsichtsrat der staatlichen Fernsehanstalt TVP am Wochenende den 51-jährigen Boguslaw Aleksander Szwedo zum neuen Senderchef ernannt. Doch als der Absolvent der Wirtschaftsakademie von Krakau, einstige Aktivist der polnischen Arbeiterbewegung Solidarnosc und passionierte Historiker Szwedo am Montag dann seinen Chefsessel einnehmen wollte, verwehrte der Wachdienst ihm den Zugang zum Sendegebäude an der Weichsel. Schlösser wurden ausgewechselt und die Zugangscodes geändert.

Dabei soll der bisherige TVP- Aufsichtsrat den wegen seiner rechten Vergangenheit in Verruf geratenen amtierenden Generaldirektor Piotr Farfal ablösen. Dem erst 31-Jährigen wurden ausgerechnet im polnischen Springer-Massenblatt "Fakt" veröffentlichte Fotos zum Verhängnis, die ihn als Skinhead beim Hitler-Gruß zeigen. Vorgeworfen wurde Farfal im Sejm aber auch, im Europa-Wahlkampf zu EU-kritische Beiträge zugelassen zu haben. Doch seinen Posten will er nicht räumen.

Der neuerliche Machtkampf um die Bildschirme, der nun wohl vor Gericht entschieden wird, macht Polen wieder zum Gespött: Schon in den 1990er-Jahren gab es erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft im Fernsehen, dabei flogen sogar die Fäuste. Gesetzesänderungen für mehr Parteien-Ferne im Staats-TV scheiterten aber gerade am Veto des national-konservativen Staatschefs Lech Kaczynski: 2010 sind Präsidentschaftswahlen - und Szwedo steht Kaczynskis Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) nahe.

Doch Polen steht mit dem Streit um die Herrschaft über die Medien in der Europäischen Union nicht allein: Auch die selbstverliebten Staatsmänner Nicolas Sarkozy (Frankreich) und Silvio Berlusconi (Italien) haben zuletzt immer wieder unliebsame Journalisten aus ihren Redaktionen gezwungen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%