Festnahmen
Polizei in Moskau löst Schwulendemo auf

Auch am Tag des Grand-Prix-Finales ging es in Moskau nicht ohne Gewalt der russischen Polizei - diesmal gegen Schwule und Lesben. Mit gezückten Schlagstöcken gingen die auf Anti- Terror-Einsätze spezialisierten Einheiten der Sonderpolizei Omon vor dem Gebäude der Moskauer Lomonossow-Universität am Samstag gegen die friedlichen Homosexuellen vor.

HB MOSKAU. „Das ist ja beängstigend!“, sagte der Grand-Prix-Fan Wolfgang aus Trier, der eigens für die Show von der Mosel angereist war. Der Tourist verfolgte entgeistert, wie die Polizei Schwule und Lesben in Gefängniswagen und Busse zwang. „Die haben doch gar nichts gemacht“, meinte der 37-jährige Deutsche. Die Bilanz: 40 Festnamen, aber anders als sonst keine Verletzten.

Die russischen Homosexuellen trafen sich ungeachtet eines Demonstrationsverbots am Samstag an einer bei Touristen beliebten Aussichtsplattform vor dem Uni-Gebäude. Sie wollten aus Anlass des von vielen Schwulen und Lesben besuchten Eurovision Song Contest (ESC) auf Ausgrenzung und Gewalt gegen „sexuelle Minderheiten“ in Russland hinweisen. „Wann, wenn nicht jetzt zum ESC, sollen wir auf unsere schlimme Lage aufmerksam machen“, hatte der Vorsitzende des russischen Schwulen- und Lesbenverbandes, Nikolai Alexejew (31), der dpa vorab gesagt. Die Omon-Kräfte packten ihn am Samstag an Händen und Füßen und zerrten ihn einen Bus.

Einige Aktivisten entrollten Plakate mit der Aufschrift: „Menschenrechte für Schwule und Lesben“. Doch durchbrachen die Omon-Kräfte mit Gewalt einen Pulk internationaler Journalisten, um die Aktivisten festzunehmen. „Wir sind friedliche Menschen und wollen so leben wie andere auch“, rief die Russin Irina mit tränenerstickter Stimme. Sie sprach ganz allein im Abseits, umringt von Journalisten, bevor sie festgenommen wurde. Irina hatte unlängst erfolglos versucht, ihre Lebenspartnerschaft bei der Stadt eintragen zu lassen.

Zwar ist Homosexualität in Russland seit 1993 nicht mehr strafbar. Doch Rechte wie im Westen bleiben Russlands Homosexuellen bis heute verwehrt. Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow brandmarkte schwul- lesbische Lebensweise als „satanische Handlung“ und drohte immer wieder, jede Form öffentlicher „Homosexuellen-Propaganda“ verhindern zu lassen. Es fehle an Toleranz für Schwule in der russischen Gesellschaft, begründete der 72-Jährige seine Ablehnung.

Bis zuletzt hatte Alexejew (31) auf ein Machtwort von Präsident Dmitri Medwedew gegen die Stadt gewartet. Doch der Kremlchef, der sich als liberaler Politiker präsentiert, hielt sich zurück. „Wir werden das in der russischen Verfassung verankerte Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einklagen“, sagte Alexejew. Mit einem als Braut verkleideten Mann am Arm war Alexejew zu dem Aussichtspunkt gekommen, wo traditionell Brautpaare auf ihr Glück anstoßen.

„Wir wollen auch ein Recht darauf, offiziell zusammenleben zu dürfen, wie das in immer mehr Ländern möglich ist“, sagte Alexejew. Viele der Aktivisten hatten sich angesichts der starken Polizeipräsenz Mut angetrunken. Doch die meisten blieben aus Angst lieber fern. Traditionell kommt es bei den Versuchen, Schwulen- und Lesbenparaden zu organisieren, zu Gewalt. Wer sich als Grand-Prix-Fan zu der geplanten Schwulen-Parade am Puschkin-Platz im Zentrum einfand, traf auf die Truppen des Innenministeriums. Rechtsextreme und religiöse Fanatiker hatten ebenfalls angedroht, ihre Anhänger in Stellung zu bringen, um gegen die Schwulen und Lesben vorzugehen.

Auf Unterstützung von den Organisatoren des ESC konnten die Homosexuellen nicht rechnen. Doch hatte etwa Schlagerbarde Guildo Horn, der in der deutschen Grand-Prix-Jury sitzt, in Moskau die „schwulenfeindliche Politik“ der Stadt als „beschämend“ kritisiert. Dabei hatte Russland die erste Ausrichtung dieses für rund 30 Mio. Euro organisierten ESC auch als Imagewerbung verstanden. Auch Deutschlands Stimme beim Grand Prix, der US-Musicalsänger Oscar Loya, hatte das Verbot kritisiert. „Ich finde schade, wie es hier läuft. Schwule und Lesben sollten um ihre Rechte kämpfen, das finde ich sehr wichtig“, sagte der US-Sänger von dem Duo Alex Swings Oscar Sings. Loya lebt seit fünf Jahren mit einem Mann in München zusammen.

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