Fethullah Gülen im Interview: Putschversuch: „Wenn sie etwas behaupten, sollen sie es beweisen.“

Fethullah Gülen im Interview
„Art und Ausmaß der Verfolgung in der Türkei sind beispiellos“

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Putschversuch: „Wenn sie etwas behaupten, sollen sie es beweisen.“

Es wird von Ihren Kritikern immer wieder angeführt, Ihre Hizmet-Bewegung habe die Türkei infiltriert. Was sagen Sie dazu?
Wenn sich Menschen eines Volks in ihrem Land um Positionen bewerben, dann ist das sehr normal. Wenn ein Türke Polizist wird, dann ist das sehr normal. Das ist keine Infiltration. Das ist ganz normales, gesetzliches Handeln. Infiltration kann nur von außen geschehen, wenn jemand aus Russland oder dem Iran kommt, sich als Türke ausgibt und Zugang zu Institutionen sucht – das ist Infiltration.

Ihr Name fällt, wenn es um mögliche Drahtzieher für den versuchten Putsch im Juli in der Türkei geht. Können Sie garantieren, dass nicht einige Ihrer Anhänger dahinterstecken oder zumindest beteiligt waren?
Wenn sie etwas behaupten, sollen sie es beweisen. Da sie es sind, die es behaupten, ist es ihre Aufgabe, auch den Beweis zu führen. Sollte es Leute geben, die an dem Putsch beteiligt waren und die mich vorher kannten, dann haben sie sowohl die Regierung verraten als auch meine Prinzipien. Ich rufe zudem dazu auf, eine internationale Kommission zu gründen, um den Putsch zu ergründen, um zu verstehen, wer beteiligt war und wie er organisiert wurde. Mit Experten aus den Vereinigten Staaten, Deutschland, Italien, den Niederlanden. Die türkische Regierung hat nicht einmal auf den Vorschlag geantwortet.

Bezichtigen Sie Erdogan, den Putschversuch im Juli selbst inszeniert zu haben?
Ich habe das bisher als eine Möglichkeit angesehen. Aber in den vergangenen Tagen wurden so viele Beweise bekannt, dass es zur Gewissheit wird. Dass er es geplant hat und nun, im Nachgang, profitiert er davon, um seine Macht zu erweitern. Am nächsten Tag wurden Tausende Menschen entlassen, viele von ihnen wurden verhaftet, aus verschiedenen Ministerien, aus dem Militär, von der Polizei, aus Gerichten, Anwälte, Geschäftsleute, Frauen und Kinder. Sie haben das Jahre geplant. Er hat nur auf den richtigen Moment gewartet. Die Logik dieser Leute ist, dass dies Kriegsgewinne sind.

Wie sehen Sie die Zukunft der Türkei?
Diese Leute sind außer Kontrolle. Sie werden sich nicht an Recht und Gesetz halten. Internationales Recht ist nicht genug, um sie zu stoppen. Nur die EU, die Vereinigten Staaten und die Nato können sie zwingen, zu den Regeln zurückzukehren, und dass sie die Verfassung respektieren. Sie werden nicht leichtfertig aufgeben, was sie schon erreicht haben, wenn es nicht internationalen Druck gibt. Sie setzen persönliches Fortkommen über ethische Werte. Die Türkei hat Erfahrung mit der Demokratie. Aber nun haben wir fast alles verloren. Es gibt keine Opposition, es gibt keine alternative Meinung, die artikuliert wird.

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dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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