Feuerpause in der Ostukraine
Ein bisschen Frieden

Dass der in Minsk ausgehandelte Waffenstillstand halten würde, hat kaum jemand geglaubt. Und die Situation bleibt brandgefährlich. Eine einzige Provokation kann das Pulverfass im Donbass wieder zum Explodieren bringen.
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KiewEs sah nicht gut aus: Wenige Stunden vor der ausgehandelten Waffenruhe in der Ostukraine schlugen im Minutentakt Granaten in und um Donezk und die seit Wochen schwer umkämpfte Stadt Debalzewo ein. Ein Blitzgewitter nach dem anderen beleuchtete den Nachthimmel, schwere Artillerie war zu hören. Kaum jemand in und außerhalb der Ukraine glaubte daran, dass der nach einer sechzehnstündigen Marathonsitzung in Minsk ausgehandelte Waffenstillstand halten würde.

Doch abgesehen von einigen wenigen Verletzungen scheint die Waffenruhe sowohl von den prorussischen Separatisten als auch von der ukrainische Armee bislang respektiert worden zu sein. Schon wenige Minuten nach Mitternacht schwiegen die Waffen.

Zuvor hatte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko einen vom Fernsehen übertragenen Befehl an seine Armee gegeben, die Kampfhandlungen ab Mitternacht einzustellen. Nur wenn ukrainische Einheiten von den Separatisten angegriffen würden, werde man antworten.

Und Sprecher der Separatisten versicherten, dass auch sie ihre Kampfhandlungen einstellen würden. Es gibt also wieder Hoffnung, dass einer der blutigsten Konflikte der europäischen Nachkriegszeit vielleicht doch noch politisch gelöst werden kann.

Der Weg dahin wird steinig sein, viele Hindernisse für einen nachhaltigen Frieden müssen noch aus dem Weg geräumt werden. In den kommenden Tagen und Wochen kommt es darauf an, dass alle Beteiligten ohne verdeckte Agenda für ein Ende des Blutvergießens wirken.

Nach nicht einmal 24 Stunden seit Beginn der Waffenruhe ist es natürlich noch zu früh von einem Erfolg oder auch einem Scheitern der von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Francois Hollande initiierten letzten Chance für einen Frieden in der Ostukraine zu sprechen.

Nicht nur im Donbass, auch anderenorts mussten sich Waffenstillstände erst „entwickeln“. Verloren gegangenes Vertrauen der Kriegsparteien muss zurückgewonnen werden - manchmal gelingt das, oft auch nicht.

Wer die nach dem Nachtgipfel von Minsk erneut eskalierten Kämpfe vor allem um die wegen der Eisenbahnlinie von Donezk nach Lugansk strategisch wichtige Stadt Debalzewo verfolgt hat, musste an einem Erfolg der Friedensinitiative zweifeln.

Zumal Separatistenführer Alexander Sachartschenko nach eigenen Aussagen eine Feuerpause angeordnet hat, die aber nicht für das umkämpfte und mittlerweile vollkommen kaputtgeschossene Debalzewo gelten soll.

Das klingt alles andere als ermutigend. Dennoch hat Russland die Separatisten, die man in den vergangenen Monaten mit schwerem Gerät aufgerüstet und mit Kämpfern verstärkt hat, offenbar zurückgepfiffen und zur Einhaltung der Waffenruhe aufgefordert.

Dieser Schritt war dringend notwendig, er hätte angesichts von weit über 5.500 Toten seit Ausbruch der Kämpfe viel früher geschehen müssen.
Doch auch, wenn es jetzt nur wenige Stunden seit Beginn der Waffenruhe einen Grund zur Hoffnung gibt, bleibt die Lage hochexplosiv. Eine einzige Provokation – egal von welcher Seite - kann das Pulverfass im Donbass wieder zum Explodieren bringen.

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Verkauft Poroschenko das Land?

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  • Hat jemand etwas Anderes erwartet?
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    Minsk I ist gescheitert. Minsk II wird/ist ebenfalls gescheitert.
    Die Separatisten wollen keinen Frieden. Die Kämpfe um Debalzewo und Mariupol gehen unvermindert weiter.
    Und Warlord Putin schickt "NATÜRLICH KEINE WAFFEN" an die "Separatisten".
    Und es werden auch KEINE WAFFEN abgezogen! Das sagte ein "Separatistenführer". Er sagte auch: "Debalzewo gehört zu uns, wir werden es "befreien"!

  • Es ist für mich völlig unverständlich warum die EU der Ukraine völlige Narrenfreiheit lässt! Sie halten sich genauso wenig an Vereinbarungen und schließen diese sogar “vor in Kraft treten” aus! Sanktioniert wird aber ausschließlich gegen Russland! Mehr Verachtung kann man gegenüber einem Verhandlungspartner eigentlich nicht am Tag legen. - Die Rolle von Deutschland ist meines erachtens besonders tragisch, decken sie doch Leute, die eindeutig dem rechten Sektor zugehörig sind!

  • Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bürger der DVR und der LVR mit den Mördern ihrer Landsleute gemeinsam in einem Staat leben wollen. Der bewaffnete Kampf im Donbass hat zu einer Situation geführt, wo die Ostukrainer und die Westukrainer keinen gemeinsamen Staat aufbauen können. Jedenfalls nicht in den nächsten Zeit.

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