Finanzieller Kollaps befürchtet: Japan: Süchtig nach Schulden

Finanzieller Kollaps befürchtet
Japan: Süchtig nach Schulden

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Im Jahr 1999 - als es Japan nach der eigenen Krise am schlechtesten ging - ebenso wie 2009 war eine Geldspritze für die Wirtschaft der einzig verantwortungsvolle Weg für die Politik. Doch in Japan ist die Stärkung des Wachstums tragisch aus dem Ruder gelaufen. Sie war als einmalige Aktion geplant, wurde aber zum Dauerzustand. Der Vergleich mit einer Droge drängt sich auf: Am Anfang noch zur Stimulation genommen, hält die gleiche Dosis jetzt nur den Normalzustand aufrecht.

Tatsächlich hat der Staat permanent eine Rolle übernommen, die eigentlich dem Privatsektor zukommt: sich Geld zu leihen, es zu investieren und seinen Kreislauf in Schwung zu halten. Die Wirtschaft wurde süchtig nach dem staatlichem Schuldengeld. Woanders wäre diese Entwicklung vermutlich gar nicht so lange gutgegangen.

Dass Japan für Investoren immer noch einen guten Ruf hat, liegt an einer Besonderheit der japanischen Schulden. Sie bleiben fast ganz im Inland. Japan ist von keiner ausländischen Macht erpressbar. Die USA beispielsweise müssen sich derzeit von den Chinesen auf der Nase herumtanzen lassen, ihrem größter Gläubiger vor Japan. Im Reich des Tennos sind es dagegen die eigenen braven Bürger, die der Regierung die niedrig verzinsten Papiere abkaufen. Nur acht Prozent der Staatsanleihen landen bei ausländischen Investoren. Erstaunliche zehn Prozent kauft die Notenbank, zwölf Prozent die staatliche Rentenkasse, und unglaubliche 31 Prozent übernimmt die Postbank.

Hier bekommen die beruhigenden Nachrichten bereits einen unguten Klang. Denn die Zahlen zeigen, dass Frau und Herr Tanaka ihren Anteil am Staatshaushalt zum großen Teil nicht freiwillig abgegeben haben. Die Regierung lässt mit der Notenbank und der Postbank zwei quasi staatliche Institute die Anleihen kaufen. Beide Institutionen verleihen das Geld der Bürger an den Finanzminister, ohne sie zu fragen. Die Postbank bedient sich für den Erwerb der scheinbar sicheren Anleihen aus den 300 Billionen Yen auf den Konten ihrer Kunden. Das sind derzeit 2,2 Billionen Euro, etwa so viel wie Deutschlands jährliches Bruttoinlandsprodukt.

Ein Regierungsplan hat bis vor kurzem vorgesehen, die Postbank in den nächsten acht Jahren komplett zu privatisieren. Ein Börsengang war für die kommenden ein oder zwei Jahre vorgesehen. Ihre Manager dachten schon laut darüber nach, mehr Geld renditeträchtig anzulegen: in Unternehmensanleihen, in Aktien, in Beteiligungsfonds. Doch wenn sie auch nur einen Teil der Staatsanleihen aus ihrem bisherigen Portfolio auf den Markt werfen würde, wäre die Wirkung katastrophal. Der Markt wäre verunsichert, der Preis der Anleihen würde in den Keller gehen, die Zinsen für Neuemissionen würden sich vervielfachen. Das erklärt, warum die Politik die Postprivatisierung blockiert. Die neuen Regierenden haben sogar davon gesprochen, das bereits Erreichte wieder zurückzudrehen.

Dazu kommt weiterer Missbrauch des Geldes der Bürger. Schon seit Jahrzehnten leistet sich Japan das "Fiskalische Investitions- und Kreditprogramm". Spitzname: der zweite Haushalt. Im laufenden Jahr bewegt das Finanzministerium darin 14 Bill. Yen, im Krisenjahr 1996 waren es sogar 40 Bill. Yen. Auch hier vergreift der Staat sich an Spareinlagen der Postbank, Rücklagen der Rentenkasse und anderem Vermögen der japanischen Bürger. Der Mechanismus ist der gleiche wie bei den Staatsschulden: Der Fonds gibt niedrig verzinste Anleihen aus, die die Postbank brav kauft.

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