Finanzkontrolle
EU plant Regulierung von Derivaten

Die EU-Kommission will Finanzderivate standardisieren und an die Börse bringen. Dazu werde die Brüsseler Behörde nächstes Jahr einen Gesetzentwurf vorlegen, kündigte der für Finanzmarktregulierung zuständige EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy an.
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LUXEMBURG. Die EU zieht damit Konsequenzen aus der Finanzkrise. Denn es besteht heute allgemeiner Konsens darüber, dass der Wildwuchs im Derivate-Handel die Krise mit verursacht hat. Bei den Derivaten handelt es sich um extrem komplexe, meist maßgeschneiderte Finanzprodukte, die überwiegend bilateral zwischen Unternehmen und Finanzinstituten gehandelt werden.

Den Aufsichtsbehörden fehlt bis heute der Überblick über die mit diesem Geschäft verbundenen Risiken. Dabei hat der Derivate-Handel ein gewaltiges Ausmaß erreicht. Die EU-Kommission schätzt sein weltweites Volumen auf mehr als 600 Billionen Euro. Die Brüsseler Behörde will diese Grauzone nun ausleuchten.

Künftig soll der Handel mit Derivaten überwiegend an sogenannten zentralen Clearing-Stellen stattfinden. Das kann zum Beispiel eine Börse für Terminkontrakte sein. Der bilaterale außerbörsliche Handel mit Derivaten wird zwar nicht gänzlich verboten. Die beteiligten Unternehmen sollen aber künftig mehr Eigenkapital für solche Geschäfte vorhalten.

Trotz der zentralen Rolle der Derivate in der Finanzkrise hatte der liberale Kommissar McCreevy zunächst keine gesetzlichen Vorschriften für diesen Bereich geplant, sondern auf eine Selbstregulierung der Banken gesetzt. Die USA hatten dagegen schon seit längerer Zeit gesetzliche Regeln für Derivate angekündigt. Diesem Schritt schloss sich die EU-Kommission jetzt an. Da es sich um ein globales Geschäft handele, müssten die 20 größten Industrie- und Schwellenländer ihre Regeln untereinander abstimmen, hieß es in Brüssel.

Die EU-Kommission und der EU-Finanzministerrat (Ecofin) befassten sich gestern außerdem mit der Frage, wie EU-Staaten künftig mit einer akuten Krise eines großen Geldinstituts umgehen. Großbanken können sich demnach künftig nicht mehr auf staatliche Kapitalspritzen oder Bürgschaften verlassen.

Es müsse Alternativen geben zu staatlichen Rettungsaktionen, heißt es einem vom Ecofin-Rat gestern beschlossenen Papier, über das das Handelsblatt bereits am 15. Oktober berichtet hatte. Jede Bank benötige für den Notfall einen individuellen Abwicklungsplan. Nach Auffassung der EU-Kommission müssen die EU-Staaten außerdem klären, wer welche finanziellen Lasten übernimmt, wenn eine große Bank in eine Krise gerät. Die Kommission will auch das Insolvenzrecht für Banken europaweit harmonisieren (siehe Handelsblatt vom 30. September).

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel

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