Finanzkrise
Bescheidene Banker bringen New York in Bedrängnis

Der Druck auf die Wall-Street-Banker, auf ihre milliardenschweren Boni zu verzichten, wird immer größer. Doch was gerecht erscheint, schadet an anderer Stelle: New York mit seiner Abhängigkeit von der Finanzindustrie gehen dadurch wichtige Steuereinnahmen durch die Lappen. Schon jetzt muss der klamme Staat bei Bildung und Gesundheitversorgung kürzen.

NEW YORK. Die Männer in den teuren Anzügen dürften die neue Bescheidenheit verkraften. Als erste US-Bank verkündete Goldman Sachs am Wochenende, dass Firmenchef Lloyd Blankfein und sechs weitere Topmanager auf ihre diesjährigen Boni verzichten werden. Es geht um eine Menge Geld: Allein Blankfein bekam im vergangenen Jahr zu seinem Grundgehalt von 600 000 Dollar fast 70 Mio. obendrauf. Jetzt ist Zurückhaltung angesagt, was ganz besonders den New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo triumphieren ließ: Die Geste sei "angemessen und klug" und helfe, "die Wall Street zur Besinnung zu bringen", sagte der sonst wenig zimperliche Kritiker vergangener Bonus-Exzesse. "Wir ermutigen nachdrücklich andere Banken, dem Beispiel zu folgen."

Doch was vielen logisch und gerecht erscheint, richtet an anderer Stelle Schaden an: Weniger Boni heißt weniger Steuereinnahmen. Für die Stadt und den Staat New York mit ihren ohnehin schon leeren Kassen ist das ein zusätzliches Problem. Und nicht nur New York leidet: "Die Löcher, die die Wall-Street-Krise in den Haushalt gerissen hat, werden im ganzen Nordosten und darüber hinaus zu spüren sein", prophezeit das "Wall Street Journal". Die Nachbarstaaten New Jersey und Connecticut rechnen bereits mit Defiziten in Milliardenhöhe.

New Yorks demokratischer Gouverneur David A. Paterson sucht nun verzweifelt nach Ideen, das Milliardenloch im Haushalt zu schließen. Am Dienstag tritt das Parlament in der Hauptstadt Albany zu einer Krisensitzung zusammen, das nach dem Willen Patersons bereits beschlossene Mehrausgaben für Bildung und Gesundheitsversorgung wieder kassieren soll. Angesichts eines erwarteten Defizits von 12,5 Mrd. Dollar im nächsten Jahr dürften die bevorstehenden Sparmaßnahmen brutal ausfallen. Die Forderung nach einem Verzicht der Staatsangestellten auf ihre Gehaltserhöhung ist da erst der Anfang. Den zu erwarteten Protesten ist Paterson bereits begegnet: "Ich habe für die Kritiker keine Antwort. Außer: Was wäre denn Ihre Idee?"

Fast alle US-Bundesstaaten kämpfen derzeit mit Haushaltslöchern, doch die Wirtschaftslokomotive New York ist von der Krise besonders hart getroffen: Hier hängt Wohl und Wehe schicksalhaft an der Finanzindustrie. Ganze 18 Prozent trägt die Branche zum Bruttoinlandsprodukt des Staates bei, rund 22 Prozent des Lohnaufkommens wird bei Banken und Versicherungen verdient.

Was es für die Steuereinnahmen bedeutet, wenn nun ausgerechnet diese Branche strauchelt, drückte Paterson so aus: Gut 173 Mio. Dollar habe der Staat im Juni vergangenen Jahres allein von den 16 größten Banken kassiert. Im Juni dieses Jahres seien es nur noch klägliche 5 Mio. gewesen. Der Demokrat rechnet mit einem Einbruch der Steuereinnahmen aus Unternehmensgewinnen von 35 Prozent und mit Ausfällen von 43 Prozent bei der Einkommenssteuer.

In New York City ist sobald keine Rettung in Sicht. Düster wird es vor allem Anfang nächsten Jahres aussehen, wenn der gewohnte Geldregen aus den Banker-Boni ausbleibt. Im vergangenen Jahr flossen immerhin 33 Mrd. Dollar an Boni an die Beschäftigten der Finanzbranche allein in New York. Und nun ist jeder fünfte all jener, die ihre Stelle in diesem Jahr verlieren, ein Wall-Street-Banker. Und an jedem dieser Top-Jobs hängen bis zu vier weitere Arbeitsplätze. Bürgermeister Michael Bloomberg geht bereits davon aus, dass die Banken "erst in ein paar Jahren" wieder in der Lage sein werden, Steuern zu bezahlen.

Um das Loch von vier Mrd. Dollar in diesem und nächsten Jahr zu schließen, hat Bloomberg die Mehrwertsteuer um drei Prozent heraufgeschraubt, die Einkommensteuer sogar um 15 Prozent. Damit steigt die städtische Zusatzsteuer, die alle New Yorker noch auf die normalen Abgaben drauflegen müssen, auf durchschnittlich elf Prozent - Rekord unter allen Städten in ganz Amerika.

Die aktuelle Krise ist für New York nach Ansicht von Fachleuten weit schwerer als der Abschwung nach den Anschlägen vom 11. September, weil anders als damals die Bankenbranche nun völlig umgekrempelt wird: höhere Regulierung, niedrigere Gehälter und Boni. "Ehrlich gesagt dachte ich, 2001 war schrecklich", sagte Scott D. Pattison von der nationalen Finanzexperten-Vereinigung Nasbo der "New York Times". "Aber jetzt ist es noch viel schrecklicher".

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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