Finanzkrise
China: Die große Ernüchterung

Die Hoffnung auf einen Wandel durch Olympia haben sich nicht bestätigt: Schnell ist die olympische Begeisterung in der chinesischen Bevölkerung wieder erloschen. Im globalen Wirtschaftswunderland folgt ein Skandal auf den nächsten - und nun schmerzt auch noch die Finanzkrise.

HB PEKING. Olympia hat China nicht verändert. Schnell wie ein Strohfeuer scheint auch die olympische Begeisterung im Milliardenvolk erloschen. Erst sorgte der Skandal um verseuchtes Baby-Milchpulver für Ernüchterung, jetzt schmerzt selbst im Wirtschaftswunderland China die globale Finanzkrise. Das Exportwachstum geht zurück. Unternehmen entlassen Arbeiter und machen dicht. Die "düstere" Lage auf dem Arbeitsmarkt lässt die Regierung schon vor Unruhen warnen. Obwohl das Staatsfernsehen in den Wochen nach Olympia noch ständig die großen Triumphe der chinesischen Sportler wiederholt hat, redet heute kaum noch jemand über Olympia.

Die Menschen sind von der Realität eingeholt worden, bangen um die Zukunft. Die Börsen sind massiv eingebrochen, haben ein gewaltiges Volksvermögen vernichtet. Ähnlich droht im Immobiliensektor die Spekulationsblase zu platzen. "Ich denke, in Zukunft werden wir nicht wieder in so großem Stil ein solches Ereignis abhalten", glaubt Politik-Professor Zhang Ming von der Pekinger Volksuniversität (Renmin Daxue). "Offensichtlich wächst die Wirtschaft seit den Spielen nur noch langsamer und Olympia hat eine negative Rolle gespielt." Der Preis ist aus seiner Sicht zu hoch gewesen. "Ich finde, wir hätten nicht so viel Geld für die Spiele ausgeben sollen."

Hinter der schönen Fassade sei "eine Menge Geld verloren gegangen". Fabriken hätten schließen müssen. Das Leben vieler Menschen sei betroffen gewesen. "Wir wollten uns von der besten Seite zeigen, die Probleme verschweigen. Das war unnötig", findet der Professor. "Als Steuerzahler tut es mir sehr leid." Die im Ausland immer wieder gehegten Hoffnungen auf eine Transformation Chinas durch Olympia wurden enttäuscht. Die Veränderungen waren nur vorübergehend. Jetzt ist in Peking wieder alles beim Alten: Staus verstopfen die Straßen, obwohl kleinere Verkehrsbeschränkungen beibehalten wurden. Die Luft in der Hauptstadt schien zwar kurzzeitig besser, doch ist der Smog spätestens mit Beginn der Heizsaison wieder allgegenwärtig. Die Bettler sind zurück, ebenso die Wanderarbeiter. Auf den Baustellen darf wieder gearbeitet werden. Zumindest zur Freude der Filmfans haben die DVD-Läden mit gefälschten Hollywood-Streifen wieder offen. Die Zukunft der olympischen Wettkampfstätten erscheint noch ungewiss, doch ziehen sie gegenwärtig noch mehr Touristen an als der Kaiserpalast.

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