Finanzkrise
Die unheimliche Macht der Wall-Street-Manager

Wer hätte das gedacht, das einmal diejenigen, die die globale Wirtschafts- und Finanzkrise mitverursacht haben, der Politik bei der Eindämmung des Desasters helfen sollen. In den USA ist das der Fall – und es ist wohl auch Tradition, dass die Finanzelite das Sagen hat in Washington. Das könnte schlimme Folgen haben.

DÜSSELDORF. "Alle Finanzkrisen der jüngeren Geschichte wurden dadurch ausgelöst, dass eine wirtschaftliche Elite zu viel Macht bekam. Die USA unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von Schwellenländern wie Südkorea oder Indonesien." Harte Worte, ausgesprochen von Simon Johnson, einstiger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der Spitzenökonom weiß, wovon er spricht. Er hat schon viele Finanzkrisen analysiert. Was er über die Verquickung von Wallstreet und politischen Establishment sagt, klingt unheimlich, ja fast so, als gehe es um ein gruseliges Märchen, das ohnehin nicht wahr ist, weil es sich jemand von Anfang bis Ende ausgedacht hat. Doch dass einige Wall-Street-Oligarchen die Politik in Washington unterwandert haben und massiven Einfluss nehmen auf die Reform des US-Finanzsystems, ist nicht ausgedacht, sondern harte Realität.

Jüngstes Beispiel: Der vor kurzem überraschend positiv ausgefallene Stresstest der 19 größten amerikanischen Banken. Verschiedene führende Wirtschaftsmedien berichteten, die Ergebnisse beruhten nicht auf soliden Berechnungen, sondern auf einem Geschachere zwischen den Finanzinstituten und Regierungsbeamten. Demnach wurden die bei der Prüfung durch die US-Notenbank Fed festgestellte Kapitallücken nach Protesten der betroffenen Banken "geschrumpft". Die "New York Times" fragte sich, "ob die Übung nicht auf eine Schönfärberei der Probleme und Verwundbarkeiten der Banken" hinauslaufe. Seitdem fragen sich viele, inwieweit könnten Top-Banker Einfluss auf die Kriterien der Belastungschecks genommen haben, um sie möglichst stark zu verwässern?

Dabei sollten die umstrittenen Banken-Stresstests doch eigentlich eine Antwort Washingtons auf die Turbulenzen des Finanzsystems sein. Eigentlich. Tatsächlich haben sie das Vertrauen in die Politik nicht gerade gestärkt. Im Gegenteil: Durch die Krise wird offenkundig, woran das amerikanische System des höher, schneller, weiter krankt: nicht nur die Gewinne des Finanzsektors schossen ins Unermessliche, es wurden auch jegliche Versuche, das Ganze einzudämmen, abgewürgt, so wie der Versuch im Jahre 1998, Credit Default Swaps (CDS) zu regulieren. Diese CDS gelten als einer der Auslöser für den weltweiten Finanzcrash. Gemeint sind Papiere, mit denen Banken und Investoren sich gegen den Ausfall von Krediten absichern können, die aber in den letzten Jahren zunehmend zu Spekulationszwecken eingesetzt wurden. Nach der Pleite von Lehman Brothers kamen Zweifel auf, was diese Versicherungen wert sind.

Die Problematik, mit der wir es heute zu tun haben, ist nicht neu. Sie begann mit einem Boom der Finanzbranche vor gut 25 Jahren in der Reagan-Ära. Was damals einsetzte, führten die Regierungen Clinton und Bush mit einer weiteren Deregulierung fort. Alles schien möglich und erlaubt, um aus weniger noch mehr Gewinn zu machen. Durch die Erfindung von Verbriefungen, Zinsswaps und Credit Default Swaps stieg das Transaktionsvolumen, an dem man verdienen konnte, weiter an. Was folgte war ein massiver Anstieg der Gehälter in der Finanzbranche mit bösen Folgen. "Es ist ein Fakt, dass die Wall Street mit Millionensummen Wahlkämpfer unterstützt hat, während sich Politiker für den Abbau gesetzlicher Vorschriften stark machten", lautet die nüchterne Analyse des Top-Ökonomen Johnson.

Und er belegt dies mit Fakten: Der Anteil des Finanzsektors an den Firmengewinnen lag von 1973 bis 1985 nie über 16 Prozent. 1986 gab es dann aber den ersten spüren Anstieg auf 19 Prozent, in den 90er-Jahren gab es noch einmal einen Schub. Die Gewinnen schwankten zwischen 21 und 30 Prozent. Und in diesem Jahrzehnt, so Johnson, erreichte der Anteil die Rekordquote von 41 Prozent. Ebenso dramatisch seien die Gehälter gestiegen. Von 1948 bis 1982 habe sich die Durchschnittsvergütung zwischen 99 und 108 Prozent des Durchschnittswerts aller US-Privatunternehmen bewegt, erklärt Johnson. Von 1983 an sei dieser Wert dann nach oben geschossen, bis auf 181 Prozent im Jahr 2007. "Dieser Reichtum verschaffte den Bankern ein enormes politisches Gewicht", schlussfolgert der Ökonom.

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