Finanzkrise
Indiens Wachstumsdelle bedroht Millionen Jobs

In Indien können hausgemachte und importierte Risiken zu einem gefährlichen Gemisch werden. Der Konjunkturmotor Industrieproduktion gerät ins Stottern, auch die Investitionen scheinen allmählich rückläufig zu sein. Der aufstrebende Gigant steht vor der zentralen Frage: Wachstum oder Inflation bremsen?

DELHI. An der Börse Bombay ist der Traum geplatzt: Indien bleibt nicht von den weltweiten Erschütterungen der Finanzkrise verschont. Im abgelaufenen Quartal erlebte der Leitindex Sensex den schärfsten Einbruch seit seiner Einführung 1979. Im Schnitt verloren die Aktien ein Viertel ihres Wertes.

Dieser Kollaps nahm die jüngsten Konjunktur-Daten bereits vorweg, die einen klaren Wirtschaftsabschwung signalisieren. „Indien ist inzwischen viel stärker mit der Welt verflochten als viele glauben“, sagt Sanjeev Sanyal, Volkswirt der Deutschen Bank. Eine Globale Wachstumsabschwächung und die weltweite Kredit-Verknappung gingen an dem Land nicht spurlos vorüber.

„Indirekt wird uns Amerikas Schwäche 0,5 bis 0,75 Prozentpunkte Wachstum kosten“, schätzt Finanzminister Palaniappan Chidambaram. Doch seine Prognose von acht Prozent realem Wachstum im laufenden Jahr halten viele Volkswirte für zu rosig. HSBC etwa rechnet nur mit sieben Prozent. Das wäre der schlechteste Wert seit sechs Jahren.

Indiens Wirtschaft ist verwundbar. Die großen IT-Firmen erwirtschaften zwei Drittel ihrer Umsätze in den USA. Der Verfall des Dollars gegenüber der Rupie setzt auch Warenexporte unter Druck: Das Wirtschaftsministerium sieht bereits zwei Millionen Jobs bedroht, die meisten in der Textil- und Schuhbranche. Darin konkurriert Indien mit China, dessen Währung eng an den Dollar gekoppelt ist. Die Rupie hingegen wertete im Vorjahr um zwölf Prozent auf.

Ausfuhren machen allerdings erst 20 Prozent von Indiens Wirtschaftskraft aus – viel weniger als im Rest Asiens. Doch mit der Binnennachfrage gerät zur Unzeit nun auch der bislang kräftigste Wachstumsmotor ins Stottern: Die Zunahme der Industrieproduktion hat sich im Schnitt der vergangenen drei Monate auf sechs Prozent halbiert. Auch die Investitionen scheinen allmählich rückläufig zu sein.

Für Bankvolkswirt Sanyal hat das freilich wenig mit der Subprime-Krise zu tun. „Der Abschwung ist vor allem Folge starker Zinserhöhungen, mit denen Indien seit über einem Jahr gegen die Inflation kämpft.“ Bislang greift die strenge Geldpolitik aber nicht: Steigende Weltmarktpreise für Öl- und Nahrungsmittel haben die Teuerungsrate auf ein 13-Monatshoch von fast sieben Prozent getrieben. Das brandmarkt die Zentralbank als „unakzeptabel“; Zinssenkungen rücken damit in weite Ferne.

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