Finanzkrise
Island: Zurück zum Fisch

Island ist so gut wie pleite. Und so langsam erreicht die große Bankenkrise auch den Durchschnittsbürger. Der Inselstaat steht vor einem Crashkurs in Bescheidenheit.

REYKJAVIK. "Da ist einer - und da noch einer." Friedel Schwardtmann fährt durch Reykjavik und zählt die Porsche Cayenne. Er kommt auf sieben Wagen in 15 Minuten. Der Unternehmer aus Hamburg schüttelt den Kopf: "Ich glaube, so viele Cayennes pro Kopf gibt es nirgendwo anders auf der Welt."

Früher gründete er mal die Varial Software GmbH. Dann sattelte er um: Seit zwei Jahren baut Schwardtmann Reithallen auf Island, ein Flugzeughangar war auch schon dabei. "Es war die Liebe meiner Tochter zu den Island-Pferden, die mich diese fantastische Insel entdecken ließ", sagt der 62-Jährige. Noch läuft das Geschäft, aber die ersten Krisenzeichen sind auch bei ihm angekommen: Einer seiner Kunden habe Probleme, die Schlussrate zu zahlen.

Mit seinem VW Touareg steuert er zielstrebig die Stationen des Booms an: Gewerbehallen mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes, Baumärkte, die die Heimwerker einer Millionenmetropole versorgen könnten, neue Stadtteile mit pompösen Wohnanlagen, Dachterrassen und Atlantikblick inklusive. "Schauen Sie nur all diese Neubauten. Wer soll da bloß wohnen?"

Wer in diesen Tagen in Reykjavik nach Zeichen eines "Staatsbankrotts" sucht, der muss schon genau hinschauen. Nicht nur die Cayenne-Dichte suggeriert, dass die Wirtschaftsboom-Party, die sich die Isländer ein Jahrzehnt lang leisteten, noch immer läuft. Erst der zweite Blick verrät: Die Krise wird Island von Grund auf verändern - Impressionen aus einem Land, dem ein Crashkurs in Bescheidenheit bevorsteht.

Eine Woche ist es her, dass Regierungschef Geir Haarde vor einem "Staatsbankrott" warnte, sollte das Parlament die Notstandsgesetze nicht verabschieden. Die Vorlage ging schließlich durch. Es war höchste Zeit: Das Finanzsystem der Inselrepublik ist aus den Fugen. Die drei Banken Glitnir, Kaupthing und Landsbanki hatten sich übernommen, als sie in nur drei Jahren in Nordeuropa und Großbritannien Banken, Versicherungen, Airlines und Handelsketten rasant aufkauften. Möglich wurde das, weil Islands Regierung den Finanzinstituten völlig freie Hand gelassen hatte. Die drei Banken häuften Schulden an, die das Zehnfache des Bruttoinlandsprodukts übersteigen. Umgerechnet auf die Bevölkerung steht jeder Isländer mit rund 300 000 Euro in der Kreide.

Als mit der Finanzkrise der internationale Kreditmarkt austrocknete, krachten die drei kleinen Bankimperien zusammen. Ministerpräsident Haarde hatte keine Wahl mehr: Er verstaatlichte Glitnir, Kaupthing und Landsbanki. Nun bangen Tausende von Sparern in mehreren europäischen Ländern um ihr Geld.

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