Finanzkrise
Kleine Staaten, große Banken, riesige Probleme

„Es besteht die Gefahr, dass die isländische Wirtschaft im schlimmsten Fall in den Abwärtsstrudel der Banken gerät und das Ergebnis ein Bankrott des Landes sein könnte.“ Mit diesen Worten hat Islands Regierungschef Geir Haarde die dramatische Lage auf den Punkt gebracht. Der Inselstaat ist zwar ein Ausnahmefall, dennoch heizt die Krise dort die Sorge an, dass kleine Länder mit sehr großen Banken in Schwierigkeiten geraten könnten.

DÜSSELDORF. Nachdem Islands Banken ein viel zu großes Rad auf den internationalen Kapitalmärkten gedreht haben, droht dem kleine Inselstaat mit seinen gerade einmal 320 000 Einwohnern eine schwere Staatskrise. Die Vermögenswerte der in Schieflage geratenen Banken sind neunmal so groß wie das isländische Bruttoinlandsprodukt (BIP), das mit 14,56 Mrd. Euro nur gut halb so groß ist wie die Wirtschaftsleistung Bremens. Ratingagenturen stuften daraufhin Island auf BBB herunter; die Finanzierung von Staatsschulden wird damit teurer.

Island ist ein Ausnahmefall, aber die Krise dort heizt die Sorge an, dass kleine Länder mit sehr großen Banken in Schwierigkeiten geraten könnten. Allein die Bilanzsumme der Schweizer Großbank UBS ist mit gut 2,2 Bill. Schweizer Franken fast fünfmal so groß wie das BIP. Und die Bilanzsumme der ING ist mit 1,3 Bill. Euro mehr als doppelt so groß wie das niederländische Bruttoinlandsprodukt. Zum Vergleich: Die Bilanzsumme der Deutschen Bank ist etwas kleiner als die hiesige Wirtschaftsleistung eines Jahres; ähnlich ist das Verhältnis im Vereinigten Königreich, wo die Bilanzsumme von HSBC rund 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes beträgt.

Franklin Allen von der Universität in Pennsylvania nennt die UBS, sollte sie in Schwierigkeiten geraten, den größten Problemfall. Der Bankriese könnte im Zweifel unmöglich von der Schweiz aufgefangen werden. Da die Schweiz nicht in der EU sei, komme die EU nicht einmal theoretisch als Retter infrage – es sei also im Zweifel niemand da. Allen meinte sogar: „Irgendwann wird sich das Problem wahrscheinlich von allein regeln, weil die Kunden begreifen, dass sie ihr Geld lieber Häusern wie der Deutschen Bank oder HSBC anvertrauen, wo ein genügend großer Staat dahintersteht.“ Allen hatte vor kurzem bereits vor einem Zusammenbruch eines großen europäischen Finanzkonzerns in einem kleinen europäischen Land gewarnt. Er nannte Fortis in Belgien als Beispiel – dieser Konzern musste mittlerweile aufgefangen werden, wobei sich Belgien, die Niederlande und Luxemburg zusammengetan haben. Die Bilanzsumme des Konzerns ist mit knapp 900 Mrd. Euro zweieinhalbmal so groß wie das belgische BIP.

Der Finanzmarktexperte des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Michael Schröder, rechnet aber nicht mit einer Serie von Staatspleiten. „Island ist sicher ein Extremfall“, sagte Schröder. In anderen kleinen Ländern, in denen der Finanzsektor eine überragende Rolle spiele – etwa Liechtenstein oder Luxemburg –, agierten die Banken hauptsächlich als Vermögensverwalter. Sie seien daher von der Krise nicht so stark betroffen.
Hinzu kommt, dass in diesen beiden Zwergstaaten die ausländischen Finanzkonzerne eine große Rolle spielen. In Island ist es umgekehrt: Dort waren die Banken selbst international auf Einkaufstour gegangen, so dass bei der heutigen Schieflage sich die Probleme auch dort konzentrieren.

ZEW-Ökonom Schröder plädiert für ein Rettungssystem, in dem nicht nur die Nationalstaaten für eine Bankenrettung zahlen sollten, sondern alle Länder, in denen die Bank tätig sei. Ein bei der Europäischen Zentralbank angesiedeltes Gremium sollte die Vollmacht haben, im Notfall rasch über die Lastenverteilung entscheiden zu können.

Der Experte Charles Goodhart von der London School of Economics hatte kürzlich in Frankfurt sogar eine Stärkung der EU-Finanzen gefordert, um im Notfall auf europäischer Ebene einen Kapitalgeber zur Rettung eines Finanzkonzerns zur Verfügung zu haben. Er regte an, zum Beispiel das Aufkommen einer europaweiten CO2-Steuer direkt der EU zur Verfügung zu stellen. Nach seiner Einschätzung wird es sonst statt zu einer internationalen Finanzaufsicht eher zu einer Renationalisierung kommen, bei der jedes Land nur noch an sich denkt – so wie das in der laufenden Krise schon zu beobachten ist.

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