Finanzkrise

Wie die Geldmacht China zur Weltmacht wird

Armer Westen, starkes China: Die Schuldenkrise verschiebt die globalen Kräfteverhältnisse. Die Zukunftsszenarien sehen düster aus, auch weil der Westen nicht aus der Schuldenkrise lernen will.
  • Andrea Böhm, Uwe Jean Heuser
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Dicht an dicht fahren die Autos in Chinas Hauptstadt Peking. China profitiert von den Krisen in Europa und den USA und kann seine Macht weiter ausbauen. Quelle: dpa

Dicht an dicht fahren die Autos in Chinas Hauptstadt Peking. China profitiert von den Krisen in Europa und den USA und kann seine Macht weiter ausbauen.

(Foto: dpa)

»Auf dem Times Square in New York kam es heute Morgen erneut zu schweren Zusammenstößen zwischen Nationalgarde und Demonstranten. Sämtliche Banken und Geschäfte in Manhattan sind geschlossen. Seit die US-Regierung im vergangenen Jahr die Sozialversicherungszahlungen ausgesetzt hat, besetzen Bürger jede Woche in einem Konsumboykott Shopping Malls und zentrale Plätze in den Großstädten. Für den bevorstehenden Besuch des chinesischen Premierministers werden Massendemonstrationen in Washington erwartet. Chinesische Rating-Agenturen haben amerikanische Staatsanleihen inzwischen auf Schrott-Status herabgestuft. Der amerikanischen Bitte um ein weiteres Rettungspaket will Peking nur nachkommen, wenn Washington seine bereits gekürzten Militärausgaben um ein weiteres Drittel zusammenstreicht.«

So könnte Amerikas Zukunft aussehen. So ähnlich jedenfalls hat sie der amerikanische Bestsellerautor Gary Shteyngart in seinem jüngsten RomanSuper Sad True Love Story beschrieben. Ursprünglich wollte er in seiner literarischen Untergangsvision das Bankensystem kollabieren lassen, doch beim Schreiben holte ihn die Pleite von Lehman Brothers ein. Auch jetzt ist ihm die Gegenwart auf den Fersen. Vergangene Woche drohte eine chinesische Rating-Agentur den USA, ihre Kreditwürdigkeit herabzustufen. Wenn schon die Fantasie der Schriftsteller zu langsam wird für die Realität, wie steht es dann um die Kreativität der Krisenmanager?

Europa ringt um Griechenland – und um sich selbst. In Washington liefert sich der Präsident mit der Opposition eine ideologische Schlacht um Schuldendeckel und Steuern, und zwar haarscharf am Rande der Zahlungsunfähigkeit des immer noch führenden Landes der Erde.

Schlagzeilen über das »Ende des Euro« und »Amerikas Staatspleite« beherrschen die Nachrichten. Gleichzeitig macht der Internationale Währungsfonds (IWF) von sich reden, der einst überschuldeten Ländern wie Argentinien, Thailand oder Ghana eiserne Sparprogramme vorschrieb. Heute dirigiert der IWF Länder aus unserer Mitte und ermahnt die USA.

Die paradoxe Folge dieser medialen Endlosschleife: Sie stumpft die Bürger ab. In einem diffusen »Alles wird immer schlimmer«-Gefühl verpufft der womöglich heilsame Schock über das Ausmaß der Krise: Die größte Gefahr für unseren Wohlstand sind wir selbst, Europäer und Amerikaner. Die Schuldenkrise ist eine Krise unserer Staaten, unserer Politik, unserer Lebensart. Und sie beschleunigt auf dramatische Weise das, was viele Experten für einen langwierigen Prozess gehalten haben: die Machtverschiebung in der Geopolitik. Sie verändert die Balance zwischen den USA und China, Europas politische Zukunft und seine Stellung in der Welt. Chinas hat innerhalb kürzester Zeit sein politisches Machtpotenzial als größter Gläubiger der USA massiv ausgebaut. Europa droht gerade, sich politisch obsolet zu machen, und die Schwellenländer fragen sich inzwischen, ob und in welcher Verfassung die beiden immer noch wichtigsten Mächte auf die globale Bühne zurückkehren.

Nach der Wirtschaftskrise geraten jetzt Staaten ins Wanken
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32 Kommentare zu "Finanzkrise: Wie die Geldmacht China zur Weltmacht wird"

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  • China hängt stark vom Westen ab, wenn der Westen zusammenbricht dann bricht China. keyword: Staatsteilung.

    Die USA und einige andere Regierungen arbeiten doch massiv an der Vernichtung ihrer potentiellen Feinde.
    Die Aufstände die in den muslimisch regierten Staaten stattfanden und stattfinden sind doch nicht von ungefähr.

    Wir vernichten alles und alle die uns in den Weg stellen indem wir das Lied der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten singen. Das wir uns dabei aber genauso verschlucken wie die Kom. ist unser Geheimnis.

    China hat mächtige Gegner und weiss um die Instabilität.
    Wer schon in China war weiss wie die Natur dort rücksichtslos vernichtet wird. Was essen die dann? Ja, genau unser BIO-Obst.

    Hinter den Tribünen tobt ein großer Kampf, Interessant dabei ist dass dieser von Atommächten ausgeführt wird.
    Auf der einen Seite steht China mit den angeschlossenen Irrenstaaten wie zB Nord Korea usw. auf der anderen Seite der Rest der Welt der sich jedoch auch nicht einig ist.

  • das schwüle klima in diesem alten malariasumpfloch ist nicht gerade prickelnd.

  • Das ist ja schön für dich! Und grüß die Familie (unbekannterweise).

  • Na, ich hab Gottseidank vor Jahren alles in die Schweiz getragen, wohne jetzt in sauber-sicher-modernen Singapore. Meine Kinder geniessen die besten Schulen der Welt und die ganze Familie fühlt sich gut mit dem besten Gesundheitssystem das sich finden lässt....

  • "Ihre Planwirtschaft ermöglicht es ihnen, unvorstellbare Geldmittel einzusetzen um ALLE strategischen Ziele zu erreichen."

    in etwa das werden sich auch die amis während des kalten kriegs gedacht haben ^^

  • P.s.: ich hoffe natürlich, die Amerikaner zerstören nicht das Vertrauen in den Dollar und lassen den 2. August ohne Ergebnis verstreichen. Wenn nämlich keiner mehr die Dollar Anleihen haben will, bekommt Amerika auch ein Problem mit seiner Inflation.

  • Ihr macht einen Denkfehler. Ihr glaubt, nur weil die Chinesen unseren Glauben an das seligmachende Geld kopiert haben, mache Geld definitiv Reich und glücklich.
    Aber China steht eine Inflation bevor, dass ihnen dieUS Staatsanleihen am Ende als einzig werthaltiges Investment verbleiben.
    Und wer hat dann das Sagen ?
    Oder würden Sie Yuan-Anleihen der Republik China zeichnen ?

  • Teil 2
    Dies, als ein humanistisches Gutmenschengesülze zu degradieren ist eine Fehleinschätzung! Ade Parteien und Ismen, Radikalität und Selbstbeweihräucherung (Politik)! Die Demokratie muss sich neu erfinden. Die heutige, beschissene Macht muss außer Kraft gesetzt werden:
    1. durch die Qualitative Demokratie (Direkte intelligente Mitbestimmungssysteme) oder ähnlichem. 2. durch die Beendung und ersatzlosen Austausches des derzeitigen ungerechten Geldsystems (Zinseszins), welches in expotentieller Krise den Crash programmiert, nur zum Wohle des Machterhaltes von Eliten!(oder, armselige, menschenunwürdige Schulden-Konflikte, bis hin zu Kriegen!)
    Deutschland ein Land von Dichtern und Denkern!? Schau’n, wir mal! China sein oder Amerika nicht sein, wird für Europa nicht entscheidend werden, sondern schaffen wir es aus der Dekadenz auszubrechen!? Und den anderen Vorzudenken?


  • In der Quintessenz sind die Kommentare intelligent, aber gehen inhaltlich an der Welt von Morgen vorbei! Europa und die westliche Welt muß aus ihrem Denkgefängnis heraus und das gelingt nur, wenn wir selbstkritisch sind! Erstens: Bekommen wir keine bessere Politiker und bessere Entscheidungen, wenn wir nicht zu besseren Wählern werden!
    Zweitens: Kann nur grundsätzliche Erkenntnis um die Macht zu neuen Schlussfolgerungen und in die Neue Welt führen. Drittens: Ist die Finanzkrise keine Wirtschaftskrise, sondern eine systemische, monetäre Machtkrise. Diese 3x Krisen sind simultan zu verstehen und zu lösen! Dies fordert einen Paradigmenwechsel. Über China oder Amerika zu philosophieren oder darüber nachzudenken, wie der eine den anderen einsackt, geht an der Neuen Welt und der Zukunft Europas vorbei. Vorausgeschickt, ob Kapitalismus oder Kommunismus dominiert ist wurst. Beide Systeme oder Mischversionen werden der Zukunft nicht gerecht, weil sie die offene, transparente, humane, multikulturelle, demokratische Machtentstehung, im weitesten Sinne, nicht umsetzen und insbesondere die Unterschiede bei den Menschen falsch bewerten und einschätzen. Wir müssen begreifen, dass die Alte Macht, jeglicher Couleur, uns Westlern das Gehirn gewaschen hat. Spannend allein ist, ob die Chinesen dazugelernt haben!? Die Menschheit muss alle kreativen Kräfte und Intelligenzen der Mitmenschen zu nutzen lernen und sich endlich für ein, insbesondere, humanitäres Weltsystem durchringen, welches die Entscheidungen der Zukunft meistern könnte. Technologisch, kommunikativ und ökologisch.

  • Chinas Macht wird längst überbewertet. Die Devisenreserven sind nicht alles. Es gibt noch keinen nennenswerten Binnemarkt, die Nachbarländer können - trotz entsprechender Handelsverträge - da nicht aushelfen. Die Bevölkerungsunruhen haben schon lange massiv zugenommen, es dringt nur nichts nach außen oder es wird nichts berichtet. Die Provinzregierungen haben einen Schuldenberg von 2 Billionen USD aufgebot, von denen bereits über 600 Milliarden USD unter Wasser stehen. Da reichen die Währungsreserven nicht besonders lange. Ursache aller Probleme und der weiteren Entwicklung sich doch einzig die too-big-to-fail-Banken, die längst schon zu too-big-to-rescue-Banken geworden sind, einschliesslich der chinesischen Banken, die im ganzen Land irgendwelche, meist unsinnige, Infrastrukturmaßnahmen finanzieren und so bestehende Blasen weiter aufblasen und neue hinzufügen. Die Ratings, die Euro-Krise: nur Teil des beschriebenen Problems. Wer sich für eine andere Meinung interessiert, der kann sich gerne auf meinem Blog www.der-oekonomiker.blogspot.com umsehen. Jeder Post ist lesenswert!

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