Finanzmarktkrise
Europas Länder stützen Banken

Vor Öffnung der Londoner Börse hat die britische Regierung verkündet, Banken teilverstaatlichen zu wollen, um die Stabilität auf dem Finanzmarkt wiederherzustellen. Auch Island verstaatlichte erneut eine Bank. Italien erwägt zur Stunde ein Rettungspaket nach britischem Vorbild.

HB LONDON. Die Teilverstaatlichung gab das Finanzministerium in London am Mittwochmorgen bekannt. „Diese Maßnahmen sind absolut notwendig, um das System wieder in Gang zu bringen“, sagte Finanzminister Alistair Darling dem Fernsehsender Sky News. Zugleich erklärte er, dass der Prozess Zeit brauche. „Es ist keine sofortige Änderung, sondern eine Restrukturierung“. Das System werde damit stabilisiert, und dies sei sehr wichtig. Acht Banken nehmen an dem Regierungsprogramm zur Sanierung des Bankensystems teil: Abbey, Barclays, HBOS, HSBC, Lloyds TSB, Nationwide Building Society, Royal Bank of Scotland und Standard Chartered.

Die Banken haben zugesagt, ihre Kapitalausstattung um insgesamt 25 Mrd. Pfund zu verbessern. Dafür können sie auf Kapitalspritzen der Regierung in gleicher Höhe zurückgreifen. Insgesamt würden dem System also bis zu 50 Mrd. Pfund, rund 65 Mrd. Euro, frisches Kapital zufließen. Nicht jede der acht Banken wird jedoch Kapitalhilfen der Regierung benötigen. Es ist nach Angaben aus Bankenkreisen noch nicht einmal klar, ob jede Bank überhaupt ihr Kapital wird erhöhen müssen. In den Kreisen hieß es, die Liste schließe bewusst alle bedeutenden britischen Banken ein, um nicht zwei oder drei angeschlagene Institute bloßzustellen. Das Programm steht weiteren Instituten offen, auch Töchtern ausländischer Banken.

Nach der Ankündigung des Rettungspakets erholten sich die Aktien der Großbanken kurz nach Handelsbeginn an der Londoner Börse. HBOS legten um 27 Prozent zu nachdem das Papier am Vortag 40 Prozent an Wert eingebüßt hatte. RBS-Aktien stiegen um 12 Prozent nach einem Verlust von bis zu 39 Prozent am Dienstag.

Die Bank of England (BoE) stellt dem angeschlagenen Bankensystem des Landes zudem mindestens 200 Milliarden Pfund – rund 258 Mrd. Euro – für bis zu drei Monate zur Verfügung. Die Notenbank will damit sicherstellen, dass kurzfristig genügend Liquidität vorhanden ist.

Ein Händler kommentiert in einer ersten Reaktion lapidar: „Das ist das einzig richtige, aber auch das einzig noch mögliche.“ Eine Rezession in Großbritannien werde damit nicht mehr verhindert. Das Wachstum werde nicht deswegen wieder zurückkehren, weil man eine Liquiditätsspritze habe.

Darling und Premierminister Gordon Brown hatten zuvor mit den Chefs der Zentralbank und der Finanzaufsicht über Auswege aus der Krise beraten. In den vergangenen Tagen büßten einige der großen britischen Banken nahezu die Hälfte ihres Börsenwertes ein. Einige Investoren befürchten gar deren Zusammenbruch, wenn ihnen nicht mit einem Multi-Milliarden-Pfund-Programm unter die Arme gegriffen wird. Die Aktie der Royal Bank of Scotland (RBS) etwa hatte gestern 39 Prozent ihres Werts verloren.

Islands Regierung hat am Mittwoch die zweite große Bank in dieser Woche verstaatlicht. Die Behörden übernehmen die vollständige Kontrolle über die landesweit drittgrößte Bank Glitnir, wie die Finanzaufsicht in Reykjavik mitteilte. Die zweitgrößte Bank Landsbanki war am Vortag verstaatlicht worden.

Gleichzeitig bestätigte die schwedische Nationalbank in Stockholm einen Kredit über fünf Milliarden Kronen, rund 500 Mio Euro, an Islands größte Bank Kaupthing. Sie wird noch in privater Regie geführt und hat auch in Deutschland Anleger mit Hochzins-Konten angelockt. Mit dem Kredit sollten nicht zuletzt schwedische Anleger geschützt werden, hieß es in Stockholm.

Isländische Regierungsvertreter wollen außerdem in Moskau über einen in Aussicht gestellten russischen Kredit über vier Milliarden Euro verhandeln. Damit soll die Landeswährung stabilisiert werden. Sie hat in einem Jahr drei Viertel ihres Wertes gegenüber dem Euro verloren. Ministerpräsident Geir Haarde hatte Anfang der Woche einen „Staatsbankrott“ als „sehr reelle“ Gefahr für die Inselrepublik mit gut 300 000 Einwohnern eingestuft.

Auch Italien plant Kreisen zufolge ein milliardenschweres Rettungspaket für die Banken des Landes. Die Regierung in Rom arbeite an einem Programm, das wahrscheinlich ähnlich aussehe wie das von Großbritannien angekündigte Paket, hieß es am Mittwoch aus Kreisen. Italiens Finanzminister Giulio Tremonti hatte Politiker, Bankenchefs und andere Branchenvertreter zu einem Krisentreffen einbestellt.

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