Finanzminister veröffentlicht Details zum Ausstieg aus Währungssystem
„Schwarzer Mittwoch“ holt Briten ein

Der „Schwarze Mittwoch“ holt die Briten wieder ein – und er spielt sogar eine Rolle im nächsten Wahlkampf. Das britische Finanzministerium veröffentlichte jetzt zum ersten Mal Details zum demütigenden Zwangsausstieg des Pfundes aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) vor mehr als 12 Jahren.

fs LONDON. Demnach kostete die Intervention der damaligen Tory-Regierung das Land rund 3,3 Mrd. Pfund (umgerechnet rund 4,8 Mrd. Euro) – weniger, als bisher vermutet wurde. Gleichzeitig räumte der frühere Premierminister John Major öffentlich ein, dass er damals über einen Rücktritt nachgedacht habe.

Dass die Informationen jetzt an die Öffentlichkeit gelangen, liegt am neuen „Freedom of Information Act“. Seit Januar dürfen Bürger für sie relevante Informationen öffentlicher Stellen einsehen. Das Finanzministerium veröffentlichte nun zum ersten Mal solch explosive Neuigkeiten – und das Timing ist pikant. Die amtierende Labour-Regierung wird wohl für Mai die nächsten Wahlen ansetzen. Und die jetzige Veröffentlichung dürfte alle Wähler daran erinnern, wie wenig den Konservativen auf wirtschaftlicher Ebene zu trauen ist. Ex-Premier John Major sprach bereits von „hinterhältigen politischen Machenschaften“, auch weil kolportiert wurde, er persönlich hätte die Veröffentlichung der Dokumente verzögert.

Der „Schwarze Mittwoch“ steht für die größte wirtschaftliche Demütigung Großbritanniens nach dem Krieg. Die Briten waren 1990 dem System mit fixen Wechselkursen zu einem für sie zu hohen Kurs beigetreten. Im ersten Jahr profitierten sie von dem System, das sich im wesentlichen der Stabilitätspolitik der Deutschen Bundesbank unterordnete, die Inflation im Land verringerte sich um mehr als zwei Drittel. Als die Deutschen jedoch durch den Wiedervereinigungsboom die Zinsen immer weiter erhöhten, konnten die Briten nicht mehr mithalten. Den endgültigen Stoß versetzte ein Hedgefondsmanager namens Georg Soros, der mit einem Milliardenbetrag gegen die britische Währung spekulierte. Am 16. September 1992 erhöhte der britische Schatzkanzler Norman Lamont die Zinsen in wenigen Stunden zweimal von zehn auf 15 Prozent, um das Pfund in einem letzten Versuch attraktiver zu machen, gleichzeitig verkaufte die Bank von England Devisenreserven im Wert von gut 28 Mrd. Dollar. Noch am Ende des gleichen Tages verließ Großbritannien das EWS.

Die jetzt veröffentlichte Studie der britischen Regierung schätzt den Verlust als Differenz zwischen den Veränderungen der britischen Devisenreserven bis Februar 1994 und den Reserven, die das Land hätte ansammeln können, wenn es den „Schwarzen Mittwoch“ nie gegeben hätte. Nicht alle Beobachter gehen davon aus, dass die Wirtschaftskompetenz der Konservativen durch die neuen Veröffentlichungen besonders stark leiden wird. „Das Krisenmanagement von John Major und seinem Schatzkanzler Norman Lamont kommt nicht zu negativ herüber. Zudem hatten vor der Veröffentlichung einige Beobachter schon von mehr als 30 Mrd. Pfund Verlusten gesprochen“, sagt Keith Church, Senior Economist der Wirtschaftsberatung von Oxford Economic Forecasting.

Die Briten haben aus dem Desaster ihre Lehren gezogen. Sie sind dem Wechselkursmechanismus nicht mehr beigetreten und haben ihrer Zentralbank nach deutschem Vorbild die Unabhängigkeit gegeben. Auch dürfte die jetzige Veröffentlichung der Fakten die Euro-Befürworter im Land kaum unterstützen.

´

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%