Finanztreffen
Der singende Schatzkanzler

Schon während seiner Amtszeit als britischer Schatzkanzler in den 70er Jahren war Denis Healey für seinen exzentrischen Humor bekannt. Inzwischen ist Healey über 90 Jahre alt, aber der Mann mit den charakteristisch buschigen Augenbrauen ist noch immer für einen Scherz gut.

LONDON. Er wisse, dass er jetzt eigentlich etwas zum Thema "der Euro und die Briten" erzählen solle, sagte Healey am Mittwoch Abend bei einem Empfang in der Deutschen Botschaft in London. Aber eigentlich wolle er lieber erst einmal ein deutsches Volkslied singen. Und dann sang der ehemalige Finanzminister wirklich, so richtig einordnen konnte das Stück zwar keiner der deutschen Zuhörer, aber mit sehr viel "Heidi heida" klang Healeys Einlage doch ziemlich authentisch.

Der Ex-Schatzkanzler war nur einer von vielen Veteranen, der europäischen Finanz- und Währungspolitik, die sich zum Dinner in der Botschaft versammelt hatten. Mit Karl Otto Pöhl und Ernst Welteke waren gleich zwei ehemalige Bundesbankpräsidenten anwesend. Und mit Norman Lamont und Nigel Lawson hatten sich zwei weitere ehemalige britische Schatzkanzler die Ehre gegeben.

Um zehn Jahre Euro sollte es gehen. Anlass war das Buch, das Handelsblatt-Kolumnist David Marsh über "die geheime Geschichte" der Gemeinschaftswährung geschrieben hat. Eine Diskussion über den Euro ist in Großbritannien immer eine pikante Sache, schließlich wurde der bisherige Höhepunkt der europäischen Einigungspolitik auf der Insel einst als "Toilet Currency" verhöhnt.

Doch die Zeit, in der Großbritannien mit stolzen Wachstusmsraten den kontinentaleuropäischen Vettern davon eilte ist vorbei. Die Wirtschaftskrise trifft die Insel so hart wie kein anderes großes westeuropäisches Industrieland, und einige britische Euro-Freunde glauben, dass das Land deutlich besser dran wäre, wenn es rechtzeitig den Sprung in die Währungsunion gewagt hätte. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Ausgerechnet zu seinem zehnten Jubiläum steht der Euro vor seinem größten Härtetest. Skeptiker malen bereits ein Auseinanderbrechen der Währungsunion an die Wand.

Angesichts dieser Ausgangslage dauerte es nicht lange bis auch bei der Buchvorstellung in den gediegenen Räumen der Deutschen Botschaft am vornehmen Belgrave Square Klartext geredet wurde. "Großbritannien ist zu klein, um noch einen wichtigen Part in der Weltwirtschaft zu spielen", postuliert der frühere Bundesbankchef Pöhl mit germanischer Direktheit. Die Bankenkrise untergrabe Londons Rolle als Weltfinanzzentrum. Darum halte er es nicht für ausgeschlossen, dass die Briten ihre Anti-Haltung zum Euro in vier oder fünf Jahren änderten. Das wäre eine große Chance für alle Beteiligten: "Mit Großbritannien als Mitglied könnte der Euro den Dollar herausfordern", und dann hätte auch der Finanzplatz London wieder eine Chance.

Doch weder Drohen noch Schmeicheln hilft, trotz Healeys völkerverbindender Gesangseinlage bleiben die britischen Gäste skeptisch. "Der Euro ist doch nur ein Mittel zum Zweck", protestiert Thriller-Autor Frederick Forsyth und argwöhnt, dass dieser Zweck in der Abschaffung der europäischen Nationalstaaten bestehe.. Damit spiegelt er Vorbehalte, die nicht nur in der Konservativen Partei Mehrheitsmeinung sind. Auch in Meinungsumfragen erweisen sich regelmäßig 80 Prozent der Briten als Euro-Skeptiker.

Daran dürfte sich so schnell nichts ändern, schließlich spielen die hypernervösen Märkte derzeit das Horrorszenario von Staatsbankrotten in Europa durch. Die Finanzminister des Währungsraums wiegeln offiziell ab, suchen aber gleichzeitig hektisch nach Rettungsringen für den Ernstfall. Als besonders gefährdet gelten Griechenland, Italien und Irland, die ihre Staatshaushalte nicht in den Griff bekommen, und deshalb bereits hohe Risikoaufschläge zahlen müssen, wenn sie sich frisches Geld leihen wollen.

Nun stecken die solideren Euro-Länder in einer Zwickmühle: Staatspleiten sind in den Verträgen von Maastricht schlicht nicht vorgesehen, und Finanzhilfen der gesunden Länder für die kranken schließt der Kontrakt ausdrücklich aus. Doch ohne ein Eingreifen, so warnt EU-Wirtschaftskommissar Joaquin Almunia, droht Europa eine Katastrophe. Denn sollte ein Euro-Land pleitegehen oder die Währungsunion auseinander brechen, wären die Kosten auch für die gesunden Länder astronomisch.

Inzwischen haben auch der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber die Möglichkeit von Hilfen der Starken für die Schwachen angedeutet, sollte es wirklich zum Äußersten kommen.

Für Ex-Bundesbankpräsident Pöhl wäre das ein stabilitätspolitischer Tabubruch, der das Vertrauen in den Euro erschüttern würde. Steinbrücks Bemerkung könne ganz offensichtlich nur ein "Versehen" sein, anders lasse sich die "gefährliche" Aüßerung nicht verstehen.

Kein Zweifel, der Euro hat Probleme, doch zur Schadenfreude gibt es für die Briten kaum Anlass. Schließlich muss sich die Insel angesichts von Rezession und Finanzkrise schon hämische Vergleiche mit dem nur knapp dem Staatsbankrott entgangenen Island gefallen lassen. Von "Reykjavik an der Themse" ist die Rede.

Auch deshalb haben einige einflussreiche britische Wirtschaftsforscher und Geschäftsleute einen Pro-Euro-Club gegründet. Gallionsfigur der Initiative ist Peter Sutherland, der bullige Chairman des Ölriesen BP. Glaubt man dem Manager, dann kann eigentlich nur noch der Euro die Insel retten. Großbritannien drohe der Verlust der internationalen Kreditwürdigkeit, eine Katastrophe schlimmer als 1976, als die Staatsfinanzen in einem so desolaten Zustand waren, dass der Internationale Währungsfonds helfen musste. Damals war übrigens Denis Healey Schatzkanzler, und zum Singen wird ihm nicht unbedingt zu Mute gewesen sein.

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