Finnland
Atomkraft? Ja bitte!

Finnland baut den leistungsstärksten Kernreaktor der Welt. Die Region freut sich über Arbeitsplätze und eine neue Sehenswürdigkeit. Von Tschernobyl will hier niemand etwas wissen. Risiken und ökologische Einwände? Auch die spielen keine Rolle.

OLKILUOTO. Tomi Suvanto, stellvertretender Bürgermeister von Rauma, spricht völlig unbefangen über die neueste Attraktion seiner Region. „Da oben wird Olkiluoto 3 gebaut“, sagt Suvanto. Er steht vor einem Pappmodell seiner Stadt und zeigt auf einen kleinen Punkt, eine felsige, dem Ort vorgelagerte Insel soll er symbolisieren. Suvantos Augen leuchten, stolz ist er auf das, was dort entsteht: der mit 1 600 Megawatt Leistung größte Atomreaktor der Welt. Für Rauma sei das wie ein „Sechser im Lotto“, der der Stadt wirtschaftlichen Aufschwung und neue Jobs bringt. „Dank Olkiluoto ist die Arbeitslosigkeit um drei bis vier Prozentpunkte auf elf Prozent gesunken“, erzählt der schmächtige Mann.

Willkommen im Reich der Reaktoren. „Welcome to the most electric municipality in Finnland.“ Mit diesem Slogan begrüßt die Region ihre Besucher – auf Schildern, Plakaten und in Broschüren. Sie wirbt nicht etwa mit Raumas malerischen Holzhäusern oder der zerklüfteten Küste mit ihrer enormen Inselwelt. Nein, zwei riesige Betonmonumente führen die Liste der Sehenswürdigkeiten an: Olkiluoto 1 und 2. Nummer 3 wird die Liste erweitern, wenn es in etwa drei Jahren ans Netz geht.

Es wird der fünfte Reaktor sein, der das nordische Fünf-Millionen-Volk mit Strom versorgen wird, und das erste Kernkraftwerk, das in einem westlichen Industriestaat nach der Katastrophe von Tschernobyl gebaut wird. Vor ziemlich genau 20 Jahren, am 26. April 1986, schmolz ein Kernreaktor in der ukrainischen Stadt und explodierte. Die strahlende Asche verteilte sich über halb Europa.

In Finnland ist der traurige Jahrestag kein Thema. Und während in Deutschland die große Koalition über den von der Vorgängerregierung beschlossenen Atomausstieg streitet, setzen Politik und Wirtschaft im hohen Norden beherzt auf den Ausbau der Atomenergie. Sie begründen das mit dem Klimaschutzabkommen von Kyoto: Nur mit der emissionsfreien Kernenergie lassen sich die Vorgaben einhalten.

Es ist ein Monstrum, das am bottnischen Meerbusen entsteht, ein gigantischer dritter Betonklotz, 80 Meter hoch, der die Inselsilhouette noch mehr verändern wird als die beiden Ende der siebziger Jahre gebauten Reaktoren Olkiluoto 1 und 2. Entwickelt hat den neuartigen Druckwasserreaktor das deutsche-französische Konsortium Framatome. Siemens ist mit 34 Prozent daran beteiligt. Den Rest hält die französische Areva.

Olkiluoto 3 wird den atomaren Anteil an Finnlands Stomproduktion um knapp zehn Prozentpunkte auf 35 Prozent steigern. „Damit erreichen wir gerade einmal europäischen Durchschnitt“, sagt fast entschuldigend Martin Landtmann, der Leiter des größten finnischen Industrieprojekts aller Zeiten. Der Zwei-Meter-Mann koordiniert den Drei-Milliarden-Euro-Bau für das Energieunternehmen der finnischen Wirtschaft, Teollisuuden Voima (TVO).

Genau 979 Unternehmen, die meisten aus Finnland, Deutschland und Frankreich, arbeiten hier gegen die Zeit. Ein gigantischer Baukran mit einer Tragkraft von 1 600 Tonnen ist gerade in 19 Riesencontainern eingetroffen. Das Monstrum soll helfen, die Stahl- und Betonkonstruktionen an den richtigen Platz zu hieven.

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