Flucht in die Freiheit
Ein syrischer Deserteur berichtet

Er hat Assad den Rücken gekehrt, sein Leben riskiert und das seiner Familie. Nach seiner Odyssee lebt der syrische Ex-General Mohammed al-Hassan nun in Jordanien. Er berichtet von der Flucht, von Angst und Ungewissheit.
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MafrakMohammed al-Hassan verzieht sein Gesicht, während er seinen Körper auf die Matratze am Boden sinken lässt. Eben erst ist der ehemalige syrische Brigadegeneral in seinem fensterlosen Raum in einem Versteck in Jordanien aufgewacht. Es war das erste Mal seit über einem Monat, dass Hassan ausschlafen konnte. Von seiner Flucht aus Syrien habe er sich noch nicht erholt, gibt er zu. Fünf Tage dauerte der lebensgefährliche Weg in die Freiheit - Hassan, der Deserteur, kletterte über Zäune, schlief in Höhlen, versteckte sich vor den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad.

„Bevor wir loszogen, wurde mir gesagt, dass die meisten Offiziere drei Wochen bis zur Grenze brauchen, wenn sie überhaupt so weit kommen“, erzählt der 60-Jährige wenige Tage nach seiner Flucht in der jordanischen Grenzstadt Mafrak der Nachrichtenagentur dpa. „Ich bin noch immer erstaunt, dass nur ein Mal auf mich geschossen wurde.“

Hassan ist einer von Dutzenden hochrangigen syrischen Generälen, die den wachsenden Hürden einer Flucht getrotzt haben und zu den Rebellen übergelaufen sind, dabei ihr eigenes und das Leben ihrer Familien in Gefahr gebracht haben. Seit sich im August Syriens Ex-Ministerpräsident Riad Hidschab zur Opposition nach Jordanien absetzte, greift Damaskus härter durch. Fliehen ist fast unmöglich.

„Unsere Büros sind unsere Gefängnisse geworden“, sagt Hassan. Hochrangige Offiziere werden 24 Stunden überwacht, ihre Konten werden eingefroren, sie dürfen nicht in ihre Heimatstädte zurück. Selbst für einen Einkauf im Supermarkt benötigen sie die schriftliche Erlaubnis eines Vorgesetzten. Das Regime schickt gar falsche Boten, die potenzielle Überläufer mit Hilfsangeboten locken sollen. „Plötzlich fing jeder an, übers Desertieren zu sprechen und bot mir seine Hilfe bei der Flucht an. Alles hörte sich einfach zu gut an, um wahr zu sein“, sagt Hassan. „Letztlich stellte sich heraus, das war es auch.“

Doch nicht alle widerstehen der Verlockung. Zwei Kameraden nahmen nach Hassans Worten das Angebot eines vermeintlichen Offiziers der Freien Syrischen Armee an. Am nächsten Morgen hingen ihre verstümmelten Körper demnach vor den Kasernen - eine Warnung an diejenigen, die erwägen, dem Assad-Regime den Rücken zu kehren.

Hassan hatte Glück. Beim ersten, schicksalsträchtigen Schritt - der Kontaktaufnahme mit der Opposition - konnte er sich auf einen Verwandten verlassen, der sich bereits auf die Seite der Rebellen geschlagen hatte. Unter dem Vorwand, einen Verwandten im Krankenhaus zu besuchen, bekam Hassan schließlich die Erlaubnis, seine Kaserne zu verlassen. Er kehrte nicht mehr zurück. Seine Frau und die beiden Töchter schlichen sich eines Nachts zusammen mit Hunderten Zivilisten über die Grenze, gerieten unter Beschuss, überlebten aber.

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„Regime hat Angst vor Überläufern“

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