Flüchtling und Rückkehrer
„Die Deutschen? Die mag ich nicht mehr“

Gedemütigt, ängstlich, wütend: Khodai Nesar und Ahmed Saki hatten es nach Deutschland geschafft. Nun sind die beiden jungen Flüchtlinge zurück in Afghanistan und erzählen, was nun aus ihrem Leben werden soll.

KabulVor seiner Flucht nach Deutschland war Khodai Nesar Polizist. Er hat in Baghlan gearbeitet, einer Nordprovinz von Afghanistan. Dort hat er auch die Deutschen kennengelernt – in einem fünfmonatigen Trainingskurs des Polizeiaufbau-Projekts. Die Trainer waren nett zu ihm, sagt er. Respektvoll. Nesar hatte gedacht, dass das in Deutschland auch so sein würde. Alle Verwandten hatten ihm gesagt: Komm her, es ist friedlich und ruhig hier.

Nesar, 24 Jahre alt, wurde damals in Baghlan gegen die Taliban eingesetzt. Die sind dort seit Monaten auf dem Vormarsch; erst am Mittwoch haben sie weitere Teile der Provinz eingenommen. Polizisten gehören zu den Lieblingszielen der Taliban. Ruhe und Frieden, das klang wunderbar in Nesars Ohren.

Heute ist Khodai Nesar zurück in Afghanistan und böse auf sich selbst. Dass er „es“ – die Flucht, das neue Leben – nicht geschafft hat. Dass er so viel Geld verschwendet hat. Alle anderen sind auch sauer auf ihn. Die Brüder, ebenfalls Polizisten, müssen nun helfen, einen Fluchtkredit von 6.000 Dollar zurückzuzahlen. „Wieso hast du nicht ausgehalten?“, fragen sie.

Aber Khodai Nesar konnte nicht. Es war einfach zu demütigend. Respekt, das Wort taucht immer wieder auf im Gespräch mit ihm. Nur fünf Monate nach seiner Ankunft hat er sich von Freunden im Flüchtlingsheim in Berlin Geld geborgt und ein Ticket nach Kabul gekauft. Die Deutschen? Er mag sie nicht mehr.

Bis zum 29. Februar sind nach Angaben des Innenministeriums 419 Afghanen freiwillig aus Deutschland nach Afghanistan zurückgekehrt. Gemessen an der Gesamtzahl der afghanischen Flüchtlinge in Deutschland – 20.162 haben allein von Januar bis März Asylanträge gestellt – ist das eine kleine Zahl. Aber in Zukunft sollen mehr Afghanen zurückgehen.

EU-weit, so hieß es in einem jüngst bekanntgewordenen Dokument, könnten bis zu 80.000 von ihnen bald abgeschoben werden, weil sie im Sinne des Asylrechts nicht schutzbedürftig sind. Wirtschaftsmigranten seien sie, heißt es. Nicht unmittelbar vom Tod bedroht.

Es ist umstritten, ob man diese Unterscheidung noch machen kann in einem Land, in dem die Taliban heute so viel Territorium kontrollieren wie seit dem Fall ihres Regimes in 2001 nicht mehr. Es wirkt wie eine falsche Teilung des Problems in zwei Komplexe, wo es doch in den Gemeinden am Boden eher aussieht wie ein einziger, großer, teuflischer Kreis aus Ursachen und Wirkungen: Denn wo gekämpft wird, sterben nicht nur Menschen, sondern fallen auch Märkte und Jobs, somit Einkommen und der Zugang zu Essen oder medizinischer Versorgung weg. Das wiederum kann das Überleben genauso gefährden wie Waffen.

Was also erwartet die Rückkehrer, die freiwilligen und die anderen? Wie sieht ihr Leben aus nach der Rückkehr? Khodai Nesar, 24, hatte sich im August auf den Weg gemacht, erzählt er beim Gespräch in einem leerstehenden Geschäft eines fast leeren Einkaufszentrums in Kabul. „Sicherer hier“, sagt Nesar – für die Besucher, aber auch für ihn. Mit Fremden wird in Afghanistan keiner mehr gerne gesehen.

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